Osteuropa als Quelle für landwirtschaftliche Fachkräfte in Deutschland?

1 Einführung

In vielen entwickelten Ländern beeinflusst der demografische Wandel die lokalen Arbeitsmärkte negativ. Die Alterung der Bevölkerung führt zu einer immer größeren Zahl von Personen im Ruhestand und dadurch auch zur Abnahme der Zahl der qualifizierten Fachkräfte. Die Nachfrage nach jungem qualifizierten Fachpersonal ist in den verschiedensten Bereichen hoch. Demgegenüber ist das Angebot des Nachwuchses in vielen Branchen nicht ausreichend [1 bis 3 und weitere]. Die Prognosen des CEDEFOP (2012) zeigen, dass dieses Defizit mit der Zeit noch zunehmen wird. Schon in naher Zukunft werden viele europäische Unternehmen gezwungen sein, mit dem Problem der fehlenden hochqualifizierten Fachkräfte umzugehen. Es gibt eine begrenzte Zahl von Politikoptionen, die helfen können, eine langfristige Lösung zu finden, zum Beispiel bessere Ausbildungsmöglichkeiten oder die Weiterentwicklung und Umsetzung von Produktionstechnologien. Viele Länder nutzen bereits die Möglichkeit, ausländische qualifizierte Fachkräfte in den einheimischen Arbeitsmarkt zu integrieren. Bekanntlich konkurrieren die Länder, die auf dem internationalen Arbeitsmarkt als Top-Zielländer betrachtet werden (USA, Kanada, Australien und viele europäische Länder), um hochqualifizierte Arbeitskräfte.

Während diese Phänomene in zahlreichen Branchen zu beobachten sind, befasst sich der vorliegende Bericht mit den Problemen, die in der ostdeutschen Landwirtschaft bestehen. Laut Prognosen des Statistischen Landesamtes Sachsen-Anhalt wird bis 2020 ein erheblicher Anteil (29,5 Prozent) der landwirtschaftlichen Fachkräfte in den Ruhestand gehen. Das entspricht einem Ersatzbedarf von rund 5.000 Fachkräften allein in Sachsen-Anhalt1. Es ist wichtig darauf hinzuweisen, dass es in diesem Bericht um qualifiziertes Fachpersonal geht und nicht um Saisonarbeiter, die schon relativ viel Aufmerksamkeit in der wissenschaftlichen Literatur erhalten haben. Wie andere Branchen ziehen es landwirtschaftliche Unternehmen neuerdings in Betracht, ausländische Fachkräfte zu engagieren. Laut einer aktuellen Umfrage, die im Jahr 2014 vom Zentrum für Sozialforschung Halle (ZSH) durchgeführt wurde, käme für fast 40 Prozent der landwirtschaftlichen Unternehmen in Sachsen-Anhalt ein Engagement ausländischer Fachkräfte in Frage, aber nur vier Prozent haben damit schon Erfahrung. Bevor diese Diskussion weiter fortschreitet, ist es notwendig, die Angebotsseite der ausländischen Fachkräfte zu beleuchten, die bereit wären sich in der deutschen Landwirtschaft zu engagieren. Anders ausgedrückt, wenn man Migration als eine der Möglichkeiten berücksichtigt, mit dem Problem des Agrarfachkräftemangels in Deutschland umzugehen, sollten folgende Aspekte geklärt werden:

  • Eine Zielgruppe im Herkunftsland sollte bestimmt werden.
  • Eine ungefähre Vorstellung über die Größe der Zielgruppe sollte ermittelt werden.
  • Die Attribute der Migrationsbereiten sollten festgestellt und die Faktoren, die sie aus ihrem Heimatland vertreiben, verstanden werden.
  • Potenzielle Engpässe und Integrationsherausforderungen sollten identifiziert werden.

Dieser Beitrag will daher folgende Fragen beantworten: Wie groß ist das Potenzial an Personen im Ausland, die sich im deutschen Agrarbereich engagieren wollen? Welches fachliche Profil haben diese Personen? Was müssen die Arbeitgeber bei der Einstellung der ausländischen Fachkräfte berücksichtigen? Ein besseres Verständnis dieser Aspekte dient dazu, geeignete Maßnahmen zur Lösung des Agrarfachkräftemangels zu entwickeln.

Um die Fragen zu beantworten, verwendet diese Arbeit einen einfachen theoretischen Ansatz, die "New Economics of Labor Migration (NELM)" [4, 5]. Gemäß der NELM berücksichtigen wir für Migrationsentscheidungen unter anderem den Sozialstatus des Migrantenhaushalts, die Verbindung mit dem Haushalt und Herkunftsland insgesamt sowie Wahrnehmungen von verschiedenen Eigenschaften des Wohlbefindens. Ein solches Vorgehen ermöglicht es, Migrationsentscheidungen realistischer zu modellieren und eine bessere Verbindung mit den empirischen Beobachtungen herzustellen.

Aufbauend auf diesem Analyserahmen benutzt diese Studie qualitative Daten, die durch das vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) unterstützte  Forschungsprojekt "Alfa Agrar" gesammelt wurden, um die Migrationsbereitschaft im oben genannten Kontext abzuschätzen. Mit Hilfe von Experteninterviews in Russland und einem Fokusgruppen-Interview mit russischen Praktikanten in einem deutschen landwirtschaftlichen Betrieb werden potenzielle Zielgruppen von auswanderungsbereiten Fachkräften identifiziert und untersucht. Außerdem wird ein Profil der Personen erstellt, die bereit sind, sich langfristig in der ostdeutschen Landwirtschaft zu engagieren. Insgesamt verschafft diese Studie ein besseres Verständnis des Angebots von qualifizierten Arbeitskräften, die nicht aus EU-Ländern stammen. Relativ gute Ausbildungsmöglichkeiten im Bereich Landwirtschaft sowie enorme ländliche Gebiete, die signifikant bevölkert sind, machen Russland zu einem interessanten Untersuchungsfall. Ein ähnlicher Bericht, der auch von "Alfa Agrar" erstellt wurde, deckt den Fall von Bulgarien ab, um Potenziale für das Engagement der Belegschaften aus EU-Ländern zu evaluieren [6]. Die Ergebnisse werden helfen, Strategien zu entwickeln, um betriebsfachliche und soziale Integrationsprozesse effektiver zu fördern. Schätzungen des ausländischen Fachkräfteangebots, ein besseres Verständnis der Qualifikationen sowie der Entscheidungsprozesse der Migranten werden zur Entwicklung eines institutionellen Designs, das die Integration erleichtert, beitragen.

Im Folgenden stellt Abschnitt 2 die theoretischen Grundlagen der potenziellen Auswanderung vor. Abschnitt 3 beschreibt die methodische Vorgehensweise und Abschnitt 4 schildert die allgemeine Migrationssituation in Russland. Abschnitt 5 stellt die Ergebnisse dar. Schließlich bietet Abschnitt 6 auf der Basis der Schlussfolgerungen eine Diskussion über mögliche politische Implikationen.

2 Theoretische Grundlagen

Ein guter Ausgangspunkt für unsere Analyse ist das Modell von Harris & Todaro (1970). Das Hauptargument des Modells lautet, dass eine Person ihren erwarteten Nutzen durch Änderung ihres dauerhaften Aufenthaltsortes maximiert. Das bedeutet, dass eine Person nur dann auswandert, wenn die erwarteten Verdienstdifferenzen höher als die erwarteten Umzugskosten sind. Für unseren Fall würde es bedeuten, dass vergleichsweise höhere Verdienstmöglichkeiten in Deutschland erhebliche Migrationsströme aus Russland in Richtung Deutschland erzeugen müssten. Dies ist allerdings nicht zu beobachten. Es gibt eine Reihe von Phänomenen, die mit diesem Ansatz schwierig zu erklären sind, und infolgedessen wurden mehrere Erweiterungen des Modells entwickelt. Um die Vielfalt der Faktoren, die den individuellen Nutzen beeinflussen, einbeziehen zu können, wurde dieser Ansatz durch ein Konzept von "Push- und Pullfaktoren" ergänzt [zum Beispiel 8 und 9]. Die "Pushfaktoren" sind wirtschaftliche, politische oder soziale Aspekte des Herkunftslandes, die das Leben eines potenziellen Migranten erschweren. Im Fall von Russland zählen dazu folgende Faktoren (abgesehen vom im Vergleich zu Deutschland geringeren Einkommen): unzureichende öffentliche Dienstleistungen, die fehlende Bereitstellung öffentlicher Güter, Korruption oder eine problematische politische Situation. Die "Pullfaktoren" sind entsprechend die Aspekte des Ziellandes, die eine Migration attraktiv machen.

Es gibt eine weitere Entwicklung der neoklassischen Migrationstheorie, die für uns von zentraler Bedeutung ist. Um Migrationsentscheidungen in einen breiteren Kontext zu stellen, wurde ein neuer Ansatz entwickelt, die New Economics of Labor Migration (NELM). Die allgemeine Idee der NELM besteht darin, einen gesamten Haushalt anstatt seiner einzelnen Mitglieder als Entscheidungseinheit zu betrachten [5, 10]. Ein Haushalt ist besser in der Lage, eine breitere Palette von Strategien der Konsumglättung oder der Einkommensgenerierung zu entwickeln [11]. Zum Beispiel kann ein Haushalt sein Einkommen dadurch optimieren, dass einige Mitglieder des Haushalts ins Ausland geschickt werden und mit diesem Engagement die anderen Mitglieder in der Herkunftsregion unterstützen. In unserem Fall kann es bedeuten, dass Eltern ihre Ressourcen mobilisieren, um ihren Kinder zu ermöglichen sich im Ausland niederzulassen. Diese Situation könnte als eine vertragliche Vereinbarung zwischen Eltern und Kindern angesehen werden. So können Haushalte ihre Risiken und den Zugang zu Kapital optimieren [10, 11].

Es gibt eine Reihe von Faktoren, die die Nachhaltigkeit von Migrationsströmen beeinflussen. Erstens können Migrationsentscheidungen durch bestehende ethnische oder persönliche Verbindungen mit anderen Migranten, die bereits im Zielland sind, geleitet werden [12]. Netzwerke zwischen Migranten, rückkehrenden Migranten und potenziellen Migranten, reduzieren Risiken und Kosten, die im Zusammenhang mit Migration entstehen. Es kann eine Schwellenzahl der Migranten geben, ab der die Migration sehr wahrscheinlich wird. Darüber hinaus weisen Massey et al. (1993) darauf hin, dass Institutionen eine wichtige Rolle bei der Bestimmung der Intensität von Migrationsströmen spielen. Die meisten Regierungen regulieren Migration bis zu einem gewissen Grad und dies erzeugt positive oder negative Anreize für Migration. Außerdem bieten zahlreiche gemeinnützige und kommerzielle Organisationen ihre Dienste zur Erleichterung der Migration für die verschiedenen Personengruppen an. Massey et al. (1993) klassifizieren diese Argumente sogar als eine eigene Theorie. In den folgenden Kapiteln werden wir die Institutionen, die in Deutschland an der Migration von Hochqualifizierten beteiligt sind, näher erläutern.

Zusammengefasst hängen individuelle Migrationsentscheidungen von folgenden Faktoren ab:

  • der Differenz zwischen den Einkommen im Zielland und im Herkunftsland. Diese Einkommensdifferenz könnte auch nicht-monetäre Vorteile wie Arbeitsbedingungen oder berufliche Entwicklungsmöglichkeiten betreffen.
  • Unterschieden bei der Bereitstellung öffentlicher Güter im Zielland und zu Hause. Öffentliche Güter können auch in einem breiten Sinne verstanden werden: von Unterschieden in der grundlegenden lokalen Infrastruktur bis zu Unterschieden der Gesellschaftsmodelle (zum Beispiel weniger Korruption und besser funktionierende Institutionen im Zielland).
  • bürokratischen Hindernissen im Zielland, die die potenziellen Migranten überwinden müssen.
  • Migrationskosten, zum Beispiel Flugtickets, Sprachkursen und der Einstellung auf eine neue Kultur im Zielland.
  • ausreichendem Kapital, über das ein potenzieller Auswanderer verfügen sollte, um die mit der Auswanderung verbundenen Kosten zu decken.

3 Empirische Vorgehensweise

Es ist generell schwierig, potenzielle Migrationsströme zu schätzen. Das Hauptproblem liegt darin, dass diese Studie nicht retrospektiv vorgehen kann, weil die Migrationsströme, die sie untersucht, noch nicht stattgefunden haben. Auf Grund dieser Umstände stützt sie sich auf Meinungen von Experten und auf die Absichten potenzieller Migranten.

Es sei auch darauf hingewiesen, dass die Datenerhebung erst nach der Verschlechterung der Beziehungen zwischen Russland und dem Westen stattgefunden hat. Nach der Annexion der Krim, die der Westen scharf verurteilte, wurden Sanktionen gegenüber Russland verhängt. Infolgedessen wird Russland in der internationalen Arena mehr und mehr isoliert, was die Forschungskooperation negativ beeinflusst. Durch gegenseitiges Misstrauen und komplizierte Beziehungen standen wir während der Datensammlung vor erheblichen Herausforderungen.

Die Daten wurden in zwei Wellen einer Triangulation von Datenquellen erhoben. Zuerst haben wir in Russland eine Expertenbefragung organisiert, um mit den wichtigsten Stakeholdern und mehreren lokalen Agraruniversitäten Interviews zu Fragen der Migration durchzuführen. In Moskau wurden Experten und Nichtregierungsorganisationen, die im Bereich der deutsch-russischen Beziehungen arbeiten, zum Thema Migrationspolitik befragt2. In einem weiteren Schritt wurden zwei Regionen ausgewählt, in denen die Landwirtschaft traditionell erheblich zum lokalen Bruttoinlandsprodukt (BIP) beiträgt: Krasnodar und Stavropol. Hier steht die Landwirtschaft im Zentrum der lokalen Wirtschaft. Wir haben mit folgenden Personen gesprochen: Vertretern der Karrierezentren von lokalen landwirtschaftlichen Universitäten sowie mit Experten, die sich mit Fragen des landwirtschaftlichen Arbeitsmarktes und der Migration beschäftigen. Insgesamt haben wir zehn halb-strukturierte Interviews durchgeführt. Alle Interviews wurden aufgezeichnet, transkribiert und anschließend analysiert. Die Interviewleitfäden beinhalten Fragen zu den folgenden Themen: russischer Arbeitsmarkt, Migrationsbereitschaft in verschiedenen Teilen der Bevölkerung, russischer Agrarsektor und weitere. Ein erheblicher Teil der Interviewleitfäden hat sich besonders mit der Migrationsbereitschaft von Studenten russischer Agraruniversitäten befasst.

Die erste Phase der Datenerhebung hat uns geholfen, eine Hauptzielgruppe zu identifizieren: Studenten der Agraruniversitäten3. In der zweiten Phase haben wir Studenten des dritten oder vierten Studienjahres von der Staatlichen Agraruniversität Kostroma während ihres Praktikums in einem ostdeutschen Agrarunternehmen interviewt. In diesen Phasen haben Studierende in der Regel bereits über ihre beruflichen Perspektiven nachgedacht und entwickeln eine grobe Vorstellung von ihren Zukunftsplänen. Die Interviews wurden mit einer Fokusgruppe von zehn Praktikanten durchgeführt. Alle Gespräche wurden auf Datenträgern aufgenommen und danach wurde ein Protokoll erstellt. Natürlich behaupten wir nicht, dass die Stichprobe dieser Fokusgruppe in irgendeiner Weise repräsentativ ist. Wir glauben jedoch, dass diese Informationsquelle eine gute Ergänzung zu den Interviews bildet, die in der Russische Föderation durchgeführt wurden.

4 Migrationssituation in Russland

Seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion hat sich in Russland die Diskussion über Migration mehr auf gering qualifizierte Migranten aus Osteuropa und Zentralasien konzentriert [13]. Das Gehaltsniveau und die Lebensqualität sind laut den Daten der Weltbank [14] in Russland bedeutend höher als in den anderen postsowjetischen Republiken. Neben anderen Faktoren erzeugen diese Unterschiede erhebliche Ströme von Migranten vor allem aus Osteuropa und Zentralasien. Die russische Migrationspolitik hat sich überwiegend mit der Steuerung der Einwanderung aus diesen Regionen befasst [13]. Fast alle Maßnahmen richten sich auf eine Begrenzung der legalen und illegalen Migration. Gesetzliche Einschränkungen führen weit verbreitet zu Korruption im Zusammenhang mit Migration [15]. Diese Hindernisse spiegeln auch die Einstellung der russischen Gesellschaft gegenüber Ausländern wider, vor allem in den Metropolen [13]. Trotz dieser Trends ist die Zahl der Einwanderer in den vergangenen drei Jahren mit einer durchschnittlichen Rate von etwa 25 Prozent auf rund 480.000 gewachsen [16]. Der durchschnittliche ausländische Arbeiter kommt aus einem zentralasiatischen Staat, ist männlich, hat ein relativ niedriges Ausbildungsniveau und wird im Bauwesen oder Handel beschäftigt.

Auf der anderen Seite gibt es eine signifikante interne Migration nach Tiebouts (1956) Hypothese, die besagt, dass die Menschen ihre Präferenzen für öffentliche Güter zeigen, indem sie an Orte mit bevorzugten Niveaus der Bereitstellung öffentlicher Güter umziehen. Als Folge ist eine höhere Konzentration von Menschen an Orten mit besseren öffentlichen Gütern zu beobachten. Dieser Logik folgend neigt ein wesentlicher Teil der russischen Bevölkerung dazu, in die Richtung der urbanisierten Zentren zu migrieren, was zu einer Entvölkerung der ländlichen Gebiete führt [18, 19]. Zu den beliebtesten Anziehungspunkten ausländischer Arbeitsmigranten gehören Moskau, Sankt Petersburg oder Krasnodar. Die interne Migration lässt sich zu einem großen Teil aus den regionalen BIP- und entsprechenden Gehaltsunterschieden sowie den enormen Ungleichheiten in der Höhe der Bereitstellung öffentlicher Güter erklären [19]. Oft beschreiben die Russen Moskau und Sankt Petersburg als "Ausland" [18], weil die Arbeits- und Lebensbedingungen viel besser als in anderen Regionen sind.

Erst seit Kurzem hat sich die öffentliche Diskussion in Richtung einer Migrationspolitik für hochqualifizierte Fachkräfte verschoben [15]. Im Jahr 2007 verließen erstmalig mehr Menschen die Erwerbsbevölkerung als in sie eintraten [20]. Das Russische Statistische Amt (RosStat) prognostiziert, dass die russische Bevölkerung im Erwerbsalter bis zum Jahr 2026 um 17 Millionen schrumpfen wird. Dies sind 24 Prozent der gesamten erwerbstätigen Bevölkerung des Jahres 2009. Die Situation sieht in der Landwirtschaft ähnlich aus, aber die Abwanderung von Arbeitskräften findet hier schon seit Jahren statt. Abbildung 1 zeigt diese Trends. Jedes Jahr gab es mehr Arbeitskräfte, die den Sektor verlassen haben, als solche, die hinzukamen. Allerdings ist erwähnenswert, dass diese Differenz in den vergangenen Jahren zurückgegangen ist. Die Daten, die mit der vorliegenden Studie erhoben wurden, zeigen, dass im Agrarbereich – ähnlich wie in anderen Bereichen - ein erheblicher Mangel an qualifizierten Mitarbeitern besteht [15]. Nach Meinung der befragten Experten wurde jedoch seitens der russischen Politik der Anwerbung und Bindung hochqualifizierter Arbeitskräfte noch keine adäquate Aufmerksamkeit gewidmet.

Das Problem des "Brain Drain" ist in Russland noch nicht Teil eines breiten öffentlichen Diskurses. Unsere Interviews zeigen, dass die Abwanderung von qualifiziertem Fachpersonal aus ländlichen Regionen noch nicht als langfristiges wirtschaftliches Problem erkannt wurde. Russische Experten sehen dieses Phänomen eher als "Brain Gain", wenn Migranten nach einer bestimmten Zeit mit höherem Humankapital in die Heimat zurückkehren [21, 22]. Stark (2004) hat gezeigt, dass Migration das durchschnittliche Humankapitalniveau im Herkunftsland erhöhen kann. Der einzige Sektor mit einem erheblichen Problem des "Brain Drain" ist die Wissenschaft [23]. Jedoch scheint in Russland eine staatliche Politik zu fehlen, die Arbeitgeber darin unterstützt, hochqualifizierte Fachkräfte zu halten. Darüber hinaus scheint es kein soziales Stigma aufgrund von Auswanderung zu geben. Alle diese Faktoren ermöglichen eine relativ freie Bewegung der hochqualifizierten Fachkräfte zwischen Russland und verschiedenen Zielländern. Dies gilt auch für den landwirtschaftlichen Bereich.

Abbildung 1: Eintretende und ausscheidende Arbeitskräfte in der russischen Landwirtschaft (in Tausend).
Quelle: [24].

Migrationsströme in die Russische Föderation sind ziemlich bedeutend und können die demografische Situation zu einem großen Teil beeinflussen. In den vergangenen Jahren sind sowohl die Auswanderung aus wie auch die Einwanderung nach Russland dramatisch angestiegen. Abbildung 2 zeigt diese Trends. Anfang des 21. Jahrhunderts hat sich die Zahl der Emigranten stabilisiert und ist dann jedes Jahr leicht gesunken, in erster Linie aufgrund der Verbesserung der wirtschaftlichen Situation im Land. Nach dem Jahr 2011 begann sich die Situation mit der explodierenden Abwanderung vor allem in die GUS-Staaten zu ändern. Gleichzeitig hat sich die Zahl derer, die in Nicht-GUS-Staaten ausgewandert sind, zwischen den Jahren 2010 und 2013 verdreifacht. Auf der anderen Seite ist in den vergangenen drei Jahren ein Anstieg der Einwanderungszahlen aus GUS- und Nicht-GUS-Staaten zu beobachten. Dies kann mit der Sicherung eines relativen wirtschaftlichen Wohlstands für die Bürger zusammenhängen. Es wird jedoch eine genauere Untersuchung benötigt, um die Gründe besser zu verstehen. Auf alle Fälle verfolgt die russische Regierung nach Meinung der in  dieser Studie befragten Migrationsexperten keine umfassende Politik der Migrationsregulierung. Es gab eine Reihe von Gesetzesexperimenten, die weder den "schwarzen" Arbeitsmarkt bekämpfen, noch die Wettbewerbsfähigkeit des Landes für hochqualifizierte Fachkräfte verbessern [20].

Abbildung 2: Migrationsströme in der Russischen Föderation (Personen).
Quelle: RosStat (2014b).

Deutschland war und bleibt ein beliebtes Einwanderungsland. Abbildung 3 zeigt die Entwicklung der Migrationsströme russischer Migranten für die Top-Zielländer. In den 90er Jahren des vergangenen Jahrhunderts waren Deutschland und Israel mit Abstand die wichtigsten Zielländer. Der Hauptgrund dafür waren die Spätaussiedlerprogramme (für Deutschland) und jüdische Wiederansiedlungsprogramme (für beide Länder), die unter anderem eine große Anzahl von Mitgliedern der jüdischen Gemeinde aus den GUS-Ländern anzogen. Die Spitzen der Migrationskurven, die die Auswanderung aus Russland nach Deutschland und Israel zeigen, stimmen im Jahr 1999 überein, und auch danach verlaufen die Kurven ähnlich. In den 2000er Jahren gehen die Migrationsraten zurück. Deutschland bleibt ein Top-Zielland für russische Einwanderer. Nach Angaben von RosStat lassen sich jährlich etwa viertausend Russen in Deutschland nieder. Die entsprechende Zahl für die USA beträgt eintausendfünfhundert und für Israel etwa eintausend. Interessanterweise hat die Migration nach China in den zurückliegenden Jahren drastisch zugenommen. Der Grund dafür ist wahrscheinlich eine engere wirtschaftliche Beziehung zwischen Russland und China.

Leider gibt es sehr wenig Statistiken über die Branchen, in denen russische Migranten eine Beschäftigung finden. Nach Angaben von RosStat neigen jüngere Menschen dazu außerhalb ihrer Herkunftsregion in Russland zu arbeiten [26]. Die Untersuchung der Statistiken über die Wirtschaftssektoren, in denen Migranten beschäftigt sind, zeigt, dass Landwirtschaft, Jagd und Forstwirtschaft im Jahr 2012 mit nur 28.600 Menschen auf dem letzten Platz zu liegen scheinen. Hier berücksichtigen die Statistiken alle Menschen, die außerhalb ihrer Wohnregion arbeiten, inklusive im Ausland. Infolgedessen scheint es sehr wenig inländische und internationale Migration im russischen Agrarsektor zu geben.

Abbildung 3: Top-Zielländer der russischen Migranten (Personen).
Quelle: RosStat (2014a).

Laut den Zahlen des Statistischen Bundesamtes [27] ist nach den Zuzügen von Nichtdeutschen im Jahr 2013 die Russische Föderation die Nummer eins unter den Nicht-EU-Ländern. Trotz dieser Tendenzen scheint es eine Reihe von Hindernissen zu geben, mit denen potenzielle Einwanderer konfrontiert werden. Erstens sind im Vergleich zu anderen Top-Zielländern die bürokratischen Prozesse und Verwaltungsverfahren zur Erteilung von Arbeitsberechtigungen für Nicht-EU-Bürgerinnen und -Bürger wesentlich komplizierter [28]. Viele Kleinunternehmen in Deutschland verfügen nicht über die entsprechenden Ressourcen und es fällt ihnen schwer, mit dem bürokratischen Aufwand umzugehen. Zweitens fehlt laut OECD (2013) die Infrastruktur, um ausländische Kandidaten mit Arbeitgebern in Deutschland in Kontakt zu bringen. Es existieren nicht genügend Informationsressourcen (zum Beispiel eine Internetplatform) für Arbeitgeber und ausländische Kandidaten. Diese Faktoren verstärken die Kluft im Arbeitsmarkt zwischen Deutschland und Russland.

5 Das Migrationspotenzial russischer Fachkräfte in der Landwirtschaft

5.1 Gründe für die Migration nach Deutschland

Die Einkommensdifferenz zwischen Deutschland und Russland für mittel- und hochqualifiziertes landwirtschaftliches Personal scheint geringer als erwartet zu sein. Alle befragten Experten weisen darauf hin, dass sich die inländischen Verdienstmöglichkeiten in der vergangenen Dekade in allen Sektoren erheblich verbessert haben.

Dies schränkt natürlich die durchschnittliche Migrationsbereitschaft ein. Einer der befragten Experten teilt Folgendes mit:

"Nicht alle wollen auswandern. Es gibt natürlich manche, die ihr Leben und das Leben ihrer Kinder im Westen sehen. Aber es gibt eine Schicht von Leuten, die nicht auswandern wollen. Deswegen hat der "Brain Drain" teilweise aufgehört. Hier kann man auch gut verdienen. Man kann hier leben, mit den Leuten dieselbe Sprache sprechen, und es ist gar nicht nötig irgendwohin auszuwandern."

Im russischen Agrarbereich sind die Verdienstmöglichkeiten geringer als in anderen Sektoren. Laut offiziellen Statistiken betrug der Durchschnittsnettolohn in der russischen Landwirtschaft im Jahr 2010 rund 270 Euro pro Monat [29]. In Deutschland lag der entsprechende Wert bei rund 1.275 Euro pro Monat [30]. Diese Verdienstlücke kann laut unseren theoretischen Grundlagen eine höhere Auswanderungsbereitschaft hervorrufen. Allerdings scheint die Verteilung der Gehälter nicht gleichmäßig zu sein. Die Experteninterviews weisen darauf hin, dass die Gehälter im landwirtschaftlichen Bereich viel höher sind, wenn wir die Stellen mit höheren Qualifikationen berücksichtigen. Zum Beispiel beziehen hochqualifizierte Führungskräfte von russischen Agrarunternehmen laut unseren Daten Gehälter, die mit europäischen durchaus wettbewerbsfähig sind. Jedoch können die Gehaltsunterschiede für mittelqualifizierte Fachkräfte entsprechende Migrationsanreize generieren.

Abbildung 4 zeigt, dass sich die Lücke im Bruttoinlandsprodukt (BIP) pro Kopf zwischen Russland und Deutschland in den zurückliegenden 20 Jahren nicht signifikant verändert hat. Zumindest im Durchschnitt scheint diese Darstellung die These von den schrumpfenden Gehaltsunterschieden zwischen Russland und Deutschland zu widerlegen. 

Abbildung 4: Bruttoinlandsprodukt pro Kopf von 1993 bis 2013 (in US-Dollar).
Quelle: World Development Indicators.

Alle Experten weisen einstimmig darauf hin, dass einer der Faktoren, der die Menschen zur Auswanderung veranlasst, die schlechte Lebensqualität in den russischen ländlichen Gebieten ist. Die meisten Teilnehmer der Fokusgruppe beschweren sich über die Abgelegenheit ihrer Heimatdörfer. Alle erwähnen Probleme mit der Infrastruktur. Eines der Hauptprobleme für viele lokale Agrarunternehmen ist das marode Straßennetz. Die lokale Bevölkerung sieht das als ein ernsthaftes Hindernis für die wirtschaftliche Entwicklung an. Darüber hinaus sind ländliche Regionen mit grundlegenden öffentlichen Gütern im Vergleich zu Stadtgebieten oft stark unterversorgt; zum Beispiel mit qualifizierter medizinischer Hilfe, Ausbildungsmöglichkeiten oder Zugang zu fließendem Wasser. Daneben scheint die Meinung zu herrschen, dass das Angebot an öffentlichen Gütern in den ländlichen Gebieten der westlichen Länder viel besser ist. Einer der Teilnehmer des Fokusgruppen-Interviews drückt sich diesbezüglich auf folgende Weise aus:

"Es gibt nichts, was man bei uns in ländlichen Gebieten machen kann. Dieser Dreck, schreckliche Straßen, halbzerstörte Häuser... Es ist nicht möglich da zu leben. Hier [in deutschen ländlichen Gebieten] ist alles zivilisiert."  

Die Teilnehmer des Fokusgruppen-Interviews identifizieren einen weiteren wichtigen Faktor der Lebensqualität: die Arbeitsbedingungen. Alle weisen darauf hin, dass deutsche Arbeitgeber stärker auf solche Aspekte achten, wie zum Beispiel entsprechende Arbeitskleidung für die Mitarbeiter, Sauberkeit oder Einhaltung der Sicherheitsbestimmungen. Auch die Arbeitszeiten scheinen für die Interviewten in Deutschland günstiger zu sein. So äußern sich die Interviewten des Fokusgruppen-Interviews:

"Die Arbeitsbedingungen sind hier deutlich besser. Es ist viel sauberer. Wir sind gekommen und haben sofort Arbeitskleidung erhalten. Man muss in Russland in der eigenen Arbeitskleidung arbeiten. Hier sind die Bedingungen zivilisierter."

Korruption spielt eine wichtige Rolle bei der Bestimmung der individuellen Auswanderungsbereitschaft. Künstliche bürokratische Hindernisse, zahlreiche Kontrollen durch verschiedene Aufsichtsbehörden, unterschiedliche Genehmigungsverfahren und Weiteres erfordern unter Umständen Schmiergeldzahlungen und führen als Folge zu zusätzlichen Kosten und Risiken für die Unternehmer. Theoretisch sollten diese Faktoren die inländischen Entwicklungsmöglichkeiten für Russen beschränken und damit ihre Bereitschaft zur Migration erhöhen. Einerseits scheint das für eine bestimmte Gruppe von Personen einer der Faktoren zu sein, die die Auswanderungswahrscheinlichkeit erhöhen. Sie sehen die westlichen Länder als korruptionsfrei an, wo man "normal" leben kann. Zum Beispiel beschreibt einer der befragten Experten die Situation in russischen ländlichen Gebieten so:

"Eines der Hauptprobleme für Landwirte ist es, mit den örtlichen Behörden zu verhandeln, sodass diese sie nicht zu sehr unter Druck setzen. Wenn der Gouverneur rücksichtsvoll ist, dann ist es für die Landwirte möglich zu arbeiten. Aber denjenigen, die nur versuchen, Ressourcen aus der Region zu pressen, ist es egal, ob die lokalen Agrarunternehmen in einigen Jahren überleben oder nicht."

Andererseits weisen die Experten darauf hin, dass es auch Menschen gibt, die glauben, dass Korruption gut für das Geschäft ist. Sie kennen das bestehende Bestechungssystem gut und sind in der Lage, ihr Unternehmen in einer solchen Umgebung effektiv zu führen. Sie haben ihr eigenes Netzwerk von Vertrauten, mit denen sie in diesem korrupten Systems zusammenarbeiten. Natürlich ist die Auswanderungsbereitschaft unter diesen Leuten sehr gering.

Schließlich gibt es noch Menschen in Russland, die sehr heimatverbunden sind und sich stark patriotisch fühlen. Die Experten sagen, dass die patriotische Stimmung in der Bevölkerung in der vergangenen Dekade erheblich zugenommen habe. Als Gründe nennen sie die relativ erfolgreiche wirtschaftliche Entwicklung und die konsolidierenden Auswirkungen des Putinregimes. Während des Fokusgruppen-Interviews haben die Praktikanten auch eine gewisse Verbindung mit ihrem Heimatland gezeigt. Die Mehrheit hat sich langfristig in Russland gesehen. Diese Ergebnisse stimmen mit der einschlägigen Literatur überein. Zum Beispiel zeigen Daucé, Laruelle, Le Huérou, & Rousselet (2015), dass seit dem Jahr 2000 patriotische Gefühle gezielt mit Hilfe von staatlichen Programmen erzeugt wurden. Um ein gewisses Maß an kollektiver Identität zu erzeugen, scheint der Staat strategische Instrumente zu benutzen: kirchliche Organisationen [32], Jugendclubs [33] und andere. Nichtsdestotrotz haben fast alle Interviewten des Fokusgruppen-Interviews darauf hingewiesen, dass die jüngsten politischen Entwicklungen mit einer zunehmenden Konfrontation zwischen dem Westen und Russland keinen Einfluss auf ihre Entscheidung hätten, im Ausland zu arbeiten4.


5.2 Agrarabsolventen als eine Zielgruppe

Eines der Hauptziele dieser Studie ist es, eine relevante Zielgruppe von Personen zu identifizieren, die erhebliches Potenzial haben nach Deutschland zu migrieren und sich in der lokalen Landwirtschaft zu engagieren. Ein logischer Ausgangspunkt wäre es, die russische ländliche Bevölkerung als eine Zielgruppe zu betrachten. Die ländliche Bevölkerung ist mit dem Leben in ländlichen Gebieten vertraut und besitzt wahrscheinlicher eine landwirtschaftliche Ausbildung. Eine mangelhafte Bereitstellung öffentlicher Güter in russischen ländlichen Räumen sowie andere Faktoren tragen zur Auswanderungsbereitschaft dieser Menschen bei. Andere Faktoren mindern jedoch die Auswanderungsbereitschaft dieser Menschen.

Eine gute Informationsquelle für diese Fragestellung sind die Migrationsexperten, die in Moskau und Krasnodar befragt wurden5. Vor allem teilten die Befragten mit, dass die Mobilität der ländlichen Bevölkerung sehr niedrig ist. Gründe hierfür bestehen in niedrigen Einkommen und schlechter Liquidität der Vermögenswerte im ländlichen Raum, zum Beispiel Immobilien. Daneben gibt es auch Probleme mit der Wohnungssuche in inländischen Zielorten, da die Immobilienpreise korruptionsbezogene Ausgaben enthalten. Für Wohnungsmieten und -käufe müssen zahlreiche bürokratische Hürden überwunden werden, was sehr oft mit Schmiergeldzahlungen verbunden ist. Die Experten deuten darauf hin, dass solche Ausgaben bis zu 20 Prozent des Immobilienwertes erreichen. Außerdem ist eine Wohnsitzanmeldung ein weiteres Hindernis aufgrund des hohen Korruptionspotenzials. Einer der Migrationsexperten meinte dazu Folgendes:

"Miete und Immobilienpreise begrenzen die Bewegungsfreiheit für viele. Korruption ist eine der Ursachen der hohen Preise. Probleme mit Immobilien und der Wohnsitzanmeldung sind die wichtigsten limitierenden Faktoren, die die Mobilität der lokalen Bevölkerung begrenzen."

Zudem scheinen qualifizierte Personen dann nicht auswanderungsbereit zu sein, wenn sie fest in den lokalen Gemeinden integriert sind. Sie verfügen über die notwendigen Kontakte und lokalen Netzwerke, die ihre landwirtschaftliche Karriere fördern. Ein Umzug ist mit vielen Risiken verbunden. Zusammengefasst reduzieren alle diese Faktoren die Möglichkeiten der ländlichen Bevölkerung, sich frei in Russland zu bewegen. Diese Umstände haben auch Auswirkungen auf die internationale Migrationsbereitschaft. Sie stellen die ländliche Bevölkerung Russlands als eine unserer Zielgruppen in ein ungünstiges Licht.

Es scheint weiter einen Zusammenhang zwischen der Migrationsbereitschaft und dem Alter zu geben. Insbesondere diejenigen, die über umfassendere lokale soziale Netzwerke verfügen, tendieren weniger zu Migration. Man braucht Zeit, um soziales Kapital6  aufzubauen und dadurch denken insbesondere ältere Leute weniger über Migrationsmöglichkeiten nach. Einer der befragten Experten sagt dazu:

"Erfolgreiche und bekannte Leute haben kein Interesse umzuziehen. Der soziale Status spielt hier natürlich eine wichtige Rolle."

Selbstverständlich können Herausforderungen wie Arbeitslosigkeit und schlechte Qualität des ländlichen Lebens die Menschen zwingen, eine Auswanderung zu erwägen. Aber Personen, die über ein gewisses Vermögen verfügen und gut in die örtliche Gemeinschaft integriert sind, bevorzugen lokale Verdienstmöglichkeiten.

Daraus ergibt sich die Frage: Welche Agrarfachkräfte sind mit der Herkunftsregion nicht zu eng verbunden, sind relativ jung und offen für neue Perspektiven? Sie führt uns zu den Agrarabsolventen als eine geeignete Zielgruppe für die künftige Gewinnung von Fachkräften für die deutsche Landwirtschaft. Es gibt eine Reihe von Gründen dafür. Der wichtigste lautet, dass sowohl Agrarstudenten, die sich kurz vor dem Abschluss befinden, als auch Agrarabsolventen noch nicht über umfangreiche soziale Netzwerke verfügen und somit nicht an lokale Gemeinschaften gebunden sind. Zweitens neigt die jüngere Generation zu mehr Offenheit in einer zunehmend globalisierten Welt. Das ist in der russischen Gesellschaft besonders wichtig, wo eine patriotische Grundstimmung und eine Anbindung an russische Werte sehr verbreitet sind. Darüber hinaus kann eine größere Stadt, in der sich in der Regel eine Universität befindet, als eine Plattform der Studenten für die Auswanderung gesehen werden7. Die russische Agrarausbildung kann potenzielle Migranten zu einem gewissen Grad mit dem notwendigen Wissen für den deutschen landwirtschaftlichen Arbeitsmarkt vorbereiten. Obwohl diese Agrarabsolventen weitere Fortbildungen benötigen werden, um in den deutschen Arbeitsmarkt integriert zu werden, bietet die russische Ausbildung den Studenten Möglichkeiten, in- und ausländische Praktika zu absolvieren sowie Erfahrungen im Ausland durch Austauschsemester zu sammeln. Außerdem können sich die Studenten während des Studiums in Russland sprachlich vorbereiten, um danach die Integration zu erleichtern. Alle diese Faktoren machen die Agrarabsolventen zu einer Gruppe, die im Vergleich mit dem Rest der Bevölkerung eher auswanderungsbereit ist.

Im Jahr 2012 absolvierten rund 32.400 Studenten ihre Ausbildung an staatlich finanzierten Universitäten [34]. Diese Zahl unterscheidet sich kaum von den Vorjahren, was darauf hinweist, dass der Trend in den vergangenen Jahren relativ stabil ist. Im Jahr 2010 betrug die Zahl der Absolventen allerdings noch 35.100. Eine hohe Konzentration von Agraruniversitäten befindet sich im europäischen Teil der Russischen Föderation und in Südsibirien.

Zusammenfassend bleibt festzuhalten, dass Agrarabsolventen eine Gruppe repräsentieren, die durchschnittlich auswanderungsbereiter ist als andere. Da es sich außerdem um eine relativ große Gruppe handelt, ist es wichtig zu verstehen, welche einzelnen Faktoren die Migrationsbereitschaft bestimmen. Der nächste Abschnitt befasst sich mit diesem Thema.

5.3 Profil der Auswanderungsbereiten

Agrarabsolventen bilden eine relativ heterogene Gruppe. Sie stammen aus verschiedensten sozialen Schichten und weisen unterschiedliche Hintergründe auf. Welche Menschen sind eher willens nach Deutschland auszuwandern und sich in der lokalen Landwirtschaft zu engagieren? Was charakterisiert diese Personen? Dieser Abschnitt versucht Antworten zu geben.

Studenten an den Agrarhochschulen der Provinzstädte scheinen eher auswanderungsbereit zu sein als solche in den Metropolen. Eine Ausbildung an den bekannten Universitäten in Großstädten wie Moskau und St. Petersburg (oder sogar Krasnodar) ist prestigeträchtig und wesentlich teurer als an anderen Hochschulen. Nach Ansicht der Befragten aus den Hochschulkarrierezentren erwägen die Studenten dieser Hochschulen und ihre Eltern, die in der Regel ihr Studium finanzieren, Auswanderungsmöglichkeiten relativ selten. Solche Haushalte haben aufgrund ihres Sozialstatus typischerweise eine klare Vorstellung vom Karriereweg ihrer Kinder nach dem Abschluss. Das Studium in den regionalen und weniger renommierten Universitäten ist dagegen deutlich preiswerter und ein niedrigerer Sozialstatus der Haushalte der Studenten kann einen angemessenen Karriereweg nicht garantieren. Deshalb sind diese Studenten nach dem Abschluss offener für verschiedene Optionen, inklusive der Auswanderung und Arbeit im Ausland.

Entsprechend sind Studenten mit einem bestimmten Sozialstatus wahrscheinlichere Kandidaten für die Auswanderung. Diejenigen jungen Menschen, die Verbindungen und Kontakte haben und gut in ihre lokalen Gemeinschaften eingebettet sind, werden eher bleiben und das Sozialkapital, das von ihren Eltern generiert wurde, nutzen. Entsprechend verfügen diese Haushalte über höhere Einkommen. Die befragten Experten deuten an, dass Studenten, die Mitglieder dieser Haushalte sind, wesentlich unwahrscheinlicher eine Auswanderung in Betracht ziehen.

Andererseits zeigen unsere Daten aber auch, dass Studenten aus Haushalten mit niedrigem Sozialstatus weniger wahrscheinlich eine Auswanderung erwägen. Der Hauptgrund dafür ist, dass diese Haushalte oft nicht über die nötige Kapazität verfügen, um eine solch weitreichende Entscheidung zu treffen, den gesamten Prozess zu planen und alle relevanten Schritte durchzuführen. Eine Auswanderung ist ein recht komplizierter Prozess, der Folgendes beinhaltet: umfangreiche bürokratische Formalia einschließlich Beantragung des Visums, Einholen von Arbeitsgenehmigungen, Wohnungssuche und eine ganze Reihe von weiteren Notwendigkeiten, die nach der Ankunft zu erledigen sind (zum Beispiel Anmeldung und Abschluß von Versicherungen).

Abbildung 5 zeigt die Abhängigkeit der Auswanderungsbereitschaft vom Sozialstatus, die die Form einer umgekehrten U-Kurve hat. Mit dem Einkommen und dem Sozialstatus steigt auch die Auswanderungsbereitschaft an – das geschieht aber nur bis zu einem gewissen Punkt. Theoretisch kann es einen Schwellenwert geben ab dem eine weitere Erhöhung des Sozialstatus zu einer geringeren Auswanderungswahrscheinlichkeit führt. Die Menschen, die sich an der Spitze der Kurve oder nahe daran befinden erwägen ernsthaft eine Auswanderung und sind für die künftige Gewinnung von Fachkräften für die deutsche Landwirtschaft als Zielgruppe von besonderem Interesse. Zur Illustration dient folgendes Zitat eines der befragten Experten:

"Generell ist die normale ländliche Bevölkerung nicht so auswanderungsbereit. Wenn sich die Eltern in der Region wohl fühlen, wenn sie ein Geschäft haben oder ein gutes Gehalt oder – ich weiß nicht, wie ich mich ausdrücken soll. Anders gesagt: Wenn die Eltern über einen hohen Sozialstatus verfügen, schicken sie ihre Kinder in der Regel ins Ausland, sodass sie dort studieren und arbeiten."

Auf diese Weise kann die potenzielle Migration und anschließende Integration in die deutsche Landwirtschaft als eine für beide Seiten vorteilhafte Entwicklung wahrgenommen werden.

Abbildung 5: Abhängigkeit der Auswanderungsbereitschaft vom Sozialstatus
Quelle: Eigene Darstellung.

Individuelle Offenheit gegenüber anderen Erfahrungen und Kulturen kann in hohem Maße die Auswanderungsbereitschaft bestimmen. Diese Offenheit umfasst: individuelle Bemühungen zum Erlernen einer Fremdsprache, Intensität des Reisens ins Ausland oder einfach die allgemeine Orientierung in einem internationalen Umfeld. In der Literatur wurde weitgehend bestätigt, dass vorherige Auslandserfahrungen ein starker Migrationsprädiktor sind [35, 36]. Ebenso weisen die befragten Experten darauf hin, dass Auslandspraktika, langfristige Sprachkurse im Ausland oder generell Auslandsreisen die Auswanderungsbereitschaft erhöhen. Diese Reisen müssen nicht zwingend in das Land stattfinden, wohin nachfolgend die Auswanderung erwogen wird. Grundsätzlich erweitern diese Erfahrungen aber den Horizont der Studenten und beseitigen viele Vorurteile über westliche Länder. Ein Problem ist, dass die Jugendlichen, die in russischen ländlichen Gebieten aufwachsen, nur begrenzt Zugang zu Informationen über das Ausland und das Leben dort erhalten. Staatspropaganda trägt hierzu ebenfalls bei. Auslandserfahrungen schaffen eine Informationsbasis für fundierte Auswanderungsentscheidungen. Einer der befragten Vertreter der Universitäten äußerte sich hierzu so:

"Viele ausländische Unternehmen laden Studenten ein und viele von ihnen bleiben danach dort, um bei diesen Unternehmen weiterzuarbeiten. Zum Beispiel haben zwei unserer Alumni ein Praktikum in Hamburg absolviert und dann sind sie dorthin umgezogen, um zu arbeiten. Sie arbeiten inzwischen in einem anderen Unternehmen, aber es zeigt die Tendenzen. Heutzutage ist es wegen der Globalisierung unmöglich, die Leute von der Außenwelt abzugrenzen. Viele fahren ins Ausland, um einfach die Welt zu sehen. Dann kommen sie zurück und sagen: "Ja, wir haben so etwas nie zuvor gesehen. Ich würde gerne versuchen, dort zu leben, zu arbeiten und so weiter. Und alles Weitere wird das Leben zeigen.""

Außerdem hat sich ein Praktikant während des Fokusgruppen-Interviews wie folgt zu Auslandserfahrungen geäußert:

"Es ist wichtig, seine Angst zu überwinden, um ins Ausland umzuziehen. Zum Beispiel ist es für uns leichter. Wir haben das Praktikum gemacht und wir haben eine Vorstellung, was man in Deutschland erwarten kann. Das bedeutet, dass es später nicht so kompliziert sein wird, nach Deutschland umzuziehen. Und, zum Beispiel, nach Tschechien wäre es komplizierter."

Ein weiteres Merkmal der Studenten mit hoher Auswanderungsbereitschaft ist die Orientierung an einer langfristigen und nachhaltigen Karriereentwicklung. Viele wollen das Umfeld der Korruption verlassen, da diese Atmosphäre die persönliche Entwicklung nicht fördert. Auswanderungsbereite haben den Eindruck, dass in Deutschland und anderen europäischen Ländern Regeln befolgt werden und man sich in einem vorhersehbaren Umfeld entwickeln kann. Infolgedessen ist für viele Mittel- und Hochqualifizierte die reale Chance einer persönlichen und beruflichen Entwicklung eine der Voraussetzungen für die Auswanderung.

Die vielleicht wichtigste Frage betrifft die Quantität der potenziellen Migranten. Es ist kompliziert, die Zahl der potenzielle Migranten nur mit Hilfe von qualitativen und sekundären Daten abzuschätzen. Diese Ergebnisse sind mit Vorsicht zu behandeln, aber man kann sie heranziehen, um eine gewisse Vorstellung über das Migrationspotenzial zu erhalten. Alle Experten sind sich darüber einig, dass die Migrationsbereitschaft in den vergangenen zehn Jahren deutlich gesunken ist. Die Befragten erklären das durch die Verbesserung der wirtschaftlichen Lage (mindestens bis vor Kurzem) und durch die Zunahme der patriotischen Stimmung in der Bevölkerung. Darüber hinaus haben wir in Abschnitt 2 gesehen, dass die Migration von Russland nach Deutschland in den zurückliegenden Jahren stabil geblieben ist. Gemäß Daten von RosStat scheint aber die Migration innerhalb des landwirtschaftlichen Bereichs sehr niedrig zu sein. Die befragten Vertreter der Universitäten äußern, dass viele Absolventen nach ihrem Abschluss nicht in der Landwirtschaft bleiben und Beschäftigungsmöglichkeiten in anderen Bereichen finden. Das bedeutet, dass niedrige Migrationsraten im Agrarsektor die wahre Situation nicht angemessen repräsentieren.

Bestimmte ethnische Gruppen der Studenten sind vermutlich eher auswanderungsbereit. Kandidaten dafür sind Russlanddeutsche – eine deutschstämmige Minderheit (laut der Volkszählung im Jahr 2010 etwa 400.000 Personen insgesamt). Einer der befragten Hochschulvertreter berichtete Folgendes:

"Die allgemeine Anzahl der Studenten, die ins Ausland gehen, um zu arbeiten, ist eher gering. Aber ich kann bestimmt ein paar Beispiele nennen. ... Alle Russlanddeutschen, die bei uns studiert haben, sind ausgewandert."

Als eine Folge ihrer hohen Auswanderungsbereitschaft gibt es ein Potenzial, durch entsprechende Anreize eine bedeutende Anzahl von Russlanddeutschen für die Auswanderung zu interessieren. Das gilt insbesondere für die Regionen Altai und Nowosibirsk. In beiden Regionen befinden sich Agraruniversitäten.

Generell scheinen die Migrationsströme russischer Agrarabsolventen nach Deutschland gering zu sein, aber es gibt eine Möglichkeit, diese Zahl deutlich zu erhöhen. Während der Fokusgruppen-Interviews hat eine überwiegende Mehrheit der Befragten ihr Interesse an einer langfristigen Arbeit in der deutschen Landwirtschaft gezeigt. Als Haupthindernis sehen die Praktikanten aber den Mangel an Informationen über die Arbeitsmöglichkeiten in Deutschland und/oder an Einrichtungen, die ihnen bei bürokratischen Problemen helfen würden. Die Befragten haben darauf hingewiesen, dass der russische Agrarsektor keine hohen Gehälter bieten kann und sie deswegen bereit sind in anderen Bereichen – in Moskau oder in anderen Großstädten – Arbeit zu suchen. Migration halten sie für eine Option. Infolgedessen könnten die Migrationsströme der Fachkräfte im Agrarbereich wesentlich erhöht werden, wenn eine entsprechende Infrastruktur den Migrationsprozess erleichtern würde.

5.4 Herausforderungen der Fachkräftevermittlung und der Integration

Eines der größten Hindernisse auf dem Weg in ein westliches Zielland ist das Fehlen einer Infrastruktur, die Migration und Jobsuche im Zielland erleichtert. Die Studenten können mit ihren oft begrenzten Sprachkenntnissen und ihrem geringen Wissen über den ausländischen Arbeitsmarkt nicht effektiv nach Beschäftigungsmöglichkeiten im Ausland suchen. Es gibt keine Informationsquelle zur einfachen Orientierung. Gemäß dieser Argumentation sagte einer der Praktikanten während des Fokusgruppen-Interviews:

"Wenn es ein gutes Angebot gäbe... Tja, wenn wenigstens jemand da wäre, mit dem man verhandeln könnte... Wenn es eine Möglichkeit gäbe... Wenn zum Beispiel dieses Unternehmen den Studenten direkt Arbeitsplätze anbieten könnte, gäbe es einen großen Strom von Interessenten."

Demzufolge würde die Verfügbarkeit solcher Informationen die Suche der Arbeitnehmer und der Arbeitgeber verbessern. Einer der Wege, das zu organisieren, ist die Entwicklung eines Web-Portals speziell für den deutschen Arbeitsmarkt.

Unter russischen Studenten ist die Meinung, dass russische Abschlussdiplome in Deutschland nicht anerkannt werden, weit verbreitet. Vor dem Bologna-Prozess war das russische dreistufige Ausbildungssystem auf den Abschluss als "Diplom-Spezialist" ausgerichtet. Dieses fünfjährige Ausbildungsprogramm war in der ganzen GUS etabliert und entsprach ungefähr dem europäischen Masterstudium. Manche ordnen das Spezialist-Niveau zwischen Bachelor und Master ein. Im Jahr 2007 hat Russland das Bachelor- und Master-System eingeführt. Allerdings hatten diese Änderungen nur administrativen Charakter, sodass an einigen Universitäten der "Diplom-Spezialist" bis heute existiert. Studenten mit diesem Abschluss glauben daher oft, dass er in Deutschland nicht anerkannt wird. Alle befragten Praktikanten während des Fokusgruppen-Interviews stimmten darin überein:

"Wir sind Spezialisten. Wir können in Deutschland mit diesem Diplom nicht arbeiten. Es ist nicht anerkannt und in Deutschland werden keine Stellen für Spezialisten angeboten."

Diese grundsätzlich falsche Information kann eine beträchtliche Anzahl von potenziellen Migranten abschrecken. Laut Informationen der Zentralstelle für ausländisches Bildungswesen können ausländische Hochschulabschlüsse nach einem Anerkennungsverfahren in Deutschland anerkannt werden [37]. Im besonderen Fall der Befragten hätten alle ihre Abschlüsse anerkannt werden können, wenn sie das Anerkennungsverfahren beantragt hätten. Agrarbetriebe in Deutschland, die Interesse an der Einstellung ausländischer Hochschulabsolventen haben, sollten dieses Antragsverfahren aktiv unterstützen.

Wie im vorherigen Abschnitt dargestellt, erhöhen Auslandserfahrungen die Auswanderungsbereitschaft. Auslandspraktika können ein vorteilhaftes Instrument für beide Seiten sein: für potenzielle Migranten und für die deutschen Agrarunternehmen. Die Praktikanten gewinnen Eindrücke, was es bedeutet, in Deutschland zu arbeiten und zu leben. Dies erleichtert ihnen die Auswanderungsentscheidung. Agrarunternehmen können Praktika als einen Auswahlmechanismus nutzen, um danach den fähigsten und vielversprechendsten Kandidaten eine Stelle anzubieten. Die befragten Vertreter der Universitäten äußern, dass viele russische und in Russland tätige multinationale Unternehmen Praktikumsprogramme schon dazu nutzen, um potenzielle Mitarbeiter auszuwählen. Ein solches System könnte auch auf dem deutschen Agrararbeitsmarkt umgesetzt werden. Es gibt bereits Praktikumsprogramme in Deutschland, die von Non-Profit-Organisationen durchgeführt werden (zum Beispiel "Apollo e.V." und "LOGO e.V."). Sie wählen Praktikanten in Russland aus und suchen für einige Monate eine entsprechende Stelle bei einem deutschen Unternehmen. Diese Angebote sind begrenzt. Für Angebote im größeren Maßstab wären entsprechende Strukturen aufzubauen, die die Nachfrage beider Seiten koordinieren und Hilfestellung zur Orientierung, Auswahl der Unternehmen und Integration in deutsche Unternehmen und in den deutschen Alltag geben. Während der Praktika könnten die Absolventen umfassend über die Möglichkeiten auf dem deutschen Agrararbeitsmarkt und die notwendigen bürokratischen Verfahren informiert werden.

Nach der Ankunft in Deutschland sind einige verwaltungstechnische Schritte wie Anmeldung beim Einwohnermeldeamt, Abschluss von Kranken- und anderen Versicherungen, Eröffnung eines Bankkontos und Weiteres zu erledigen. Sachkundige Unterstützung durch den Arbeitgeber und ausreichende Informationen sind hilfreich. Praktikanten werden hierbei in der Regel von der koordinierenden Organisation und/oder den Agrarunternehmen unterstützt. Trotzdem hat das Fokusgruppen-Interview gezeigt, dass auch Praktikanten Probleme mit bürokratischen Verfahren hatten:

"Das Hauptproblem für uns zwei war die Verzögerung mit den Reisepässen bei den russischen Behörden. Wir mussten zwei Monate darauf warten. ... Es gab auch andere bürokratische Probleme."

Im Interesse aller ist es wichtig, diesen Prozess zu erleichtern, indem den neuangekommenen Migranten alle relevanten Informationen zur Verfügung stehen und die beteiligten Agrarunternehmen eng mit den lokalen Behörden zusammenarbeiten.

Aufgrund der großen Unterschiede der Ausbildungssysteme in Deutschland und Russland kann es erforderlich sein, dass die Absolventen zu Anfang eine zusätzliche Schulung benötigen. Die Migrationsexperten bestätigen tatsächlich die Notwendigkeit einer zusätzlichen Fortbildung für russische Agrarabsolventen. Während des Fokusgruppen-Interviews wurde darauf hingewiesen, dass während der kurzen Dauer des Praktikums nicht genügend Zeit für eine angemessene Schulung der Praktikanten verbleibt. Ohne diese konnten die Praktikanten nicht an komplexen Aufgaben arbeiten. Daher ist es wichtig, dass deutsche Agrarunternehmen, die den Einsatz ausländischer Fachkräfte erwägen, auch die erforderlichen Investitionen in die Fortbildung der russischen Absolventen einplanen.

Darüber hinaus kann die unzureichende Kenntnis der deutschen Sprache ein weiteres Hindernis für potenzielle Migranten sein. Fast alle russischen Studenten lernen Deutsch, nach Englisch, als zweite Fremdsprache. Nur einzelne spezialisierte Schulen oder Lernprogramme bieten Deutsch als erste Fremdsprache an. Von den zehn Praktikanten, die am Fokusgruppen-Interview teilnahmen, haben nur drei Deutsch als erste Fremdsprache gelernt. Aber alle haben einstimmig erklärt, dass es selbst mit geringen Sprachkenntnissen möglich war zu kommunizieren. Für die einfachen Aufgaben, mit denen sich die Praktikanten beschäftigten, ist ein Sprachniveau von A2-B1 vermutlich ausreichend. So beschreiben die Praktikanten die Situation:

Tierärztin: "Wir hatten Probleme [mit der Sprache] nur vielleicht während der ersten Woche, aber danach war es einfacher. Wir benutzen entweder elektronische Übersetzer oder wir versuchen, auf Latein zu kommunizieren."
Ingenieur: "Wir kennen ein paar Schlüsselwörter und es reicht irgendwie. Alles andere können wir zeigen. Es handelt sich um praktische Arbeit und hier brauchen wir keine guten Deutschkenntnisse. Bei Tierärzten ist es komplizierter, weil es da mehr spezifische Konzepte gibt."

Für Fachkräfte mit höheren Qualifikationen und einer umfangreichen Aufgabenpalette sind die Sprachanforderungen natürlich deutlich höher. Die deutschen Agrarunternehmen können diese Anforderungen individuell bestimmen. Auf jeden Fall benötigen die potenziellen Migranten nach ihrer Ankunft Deutschkurse. Die Kurse können auf unterschiedliche Weise finanziert werden. Die Agrarunternehmen sollten bereit sein, zumindest einen Teil der Kosten zu decken.

Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die gesellschaftliche Integration der Migranten in den Kommunen, wo ihnen eine Stelle angeboten wurde. Einige der befragten Experten weisen darauf hin, dass es große Mentalitätsunterschiede zwischen Russen und Vertretern der westlichen Kulturen gibt. Sie vermuten, dass das auch einer der Gründe für die geringen Migrationsströme aus Russland in die westlichen Länder ist. In ländlichen Zielregionen treten diese Unterschiede womöglich noch stärker zu Tage. Die Integration kann erleichtert werden, wenn potenzielle Migranten im Vorfeld ausreichend Informationen über das Leben im deutschen ländlichen Raum erhalten. Die lokale Gemeinde sollte sich ihrerseits ebenfalls auf die Ankunft der Migranten vorbereiten. Die Agrarunternehmen, die eine Stelle für ausländische Fachkräfte anbieten, werden zu einem gewissen Grad auch für diese Aktivitäten verantwortlich sein.

6 Zusammenfassung und Schlussfolgerungen

Diese Studie hat zum Ziel, Perspektiven darzulegen, um qualifizierte russische Fachkräfte in die deutsche Landwirtschaft einzubeziehen. Ungünstige demografische Entwicklungen in ostdeutschen ländlichen Gebieten vergrößern zunehmend den Abstand zwischen Nachfrage und Angebot an hochqualifizierten Fachkräften. Neben anderen Möglichkeiten zur Lösung dieses Problems kann der Einsatz ausländischer hochqualifizierter Arbeitskräfte zur Sicherung eines Gleichgewichts auf dem deutschen landwirtschaftlichen Arbeitsmarkt beitragen. Mit Hilfe qualitativer Daten aus Russland untersuchen wir hier das Migrationspotenzial von russischen hochqualifizierten landwirtschaftlichen Arbeitskräften und ihren anschließenden Einsatz in der deutschen Landwirtschaft. Wir identifizieren eine geeignete Zielgruppe, skizzieren ein Profil von Auswanderungsbereiten und diskutieren mögliche Integrationsherausforderungen.

Das Potenzial an russischen Agrarabsolventen für den Einsatz als Fachkräfte in der ostdeutschen Landwirtschaft ist begrenzt, aber nicht völlig unbedeutend. In den vergangenen Jahren ist die allgemeine Auswanderung aus Russland nach Deutschland relativ stabil gewesen. Allerdings scheint in Russland die Landwirtschaft der Sektor mit der niedrigsten Mobilität der Arbeitskräfte zu sein. Es gibt viele Russen mit landwirtschaftlicher Ausbildung, die aufgrund ihrer persönlichen Präferenzen oder Beschränkungen des russischen Agrararbeitsmarktes eine Beschäftigung in anderen Branchen finden. Wenigstens könnten aber die Agrarabsolventen, die nicht in den einheimischen landwirtschaftlichen Arbeitsmarkt eintreten, als potenzielle Migranten betrachtet werden.

Es gibt eine Reihe von Faktoren, die die Russen zur Auswanderung drängen. So können nach dem klassischen Harris-Todaro-Modell große Gehaltsunterschiede im Agrarsektor zwischen Russland und Deutschland einen wesentlichen Teil der Migrationsanreize erzeugen. Außerdem scheint die Lebensqualität ein wichtiger Faktor zu sein. Die Unterversorgung mit grundlegenden öffentlichen Gütern, wie Ausbildung, Trinkwasser oder Straßen, wirkt sich negativ auf den individuellen Nutzen aus. Ein Teil der Bevölkerung hat den Eindruck, dass persönliche Karriereentwicklungsmöglichkeiten in Russland sehr begrenzt sind. Anders ausgedrückt glauben viele, dass es wegen Korruption, übermäßiger Bürokratie und intransparenter Gesetzgebung nur wenige Chancen für die persönliche Karriereentwicklung gibt. Zusammengefasst geben die Russen folgende Faktoren als Auswanderungsanreize an:


  • Unterschiede in den Gehaltsniveaus und Arbeitsbedingungen zwischen Russland und Deutschland,
  • Unterversorgung mit grundlegenden öffenlichen Gütern und damit zusammenhängender Lebensqualität in Russland,
  • begrenzte Karriereentwicklungsmöglichkeiten wegen Korruption.

Grundsätzlich scheint die Migrationsstimmung der Russen jedoch gedämpft zu sein. Hierfür gibt es eine Reihe von Gründen. Erstens scheint die wirtschaftliche Erholung seit den 1990er Jahren der Bevölkerung zu versichern, dass es genügend persönliche Entwicklungsmöglichkeiten in Russland gibt. Zweitens reduzieren zunehmender Patriotismus und Anbindung an die Heimat die Auswanderungsbereitschaft der Bevölkerung. Die aktuelle politische Lage trägt ebenfalls zur allgemeinen Situation bei. Allerdings können eine zunehmende Isolierung aufgrund der westlichen Sanktionen und eine Verschlechterung der wirtschaftlichen Lage im zurückliegenden Jahr gut ausgebildete Russen zur Auswanderung veranlassen. Zusammengefasst mindern folgende Faktoren die Auswanderungsanreize der Russen:

  • Tendenzen einer inländischen wirtschaftlichen Erholung (bis 2014),
  • zunehmende patriotische Einstellung,
  • steigende wirtschaftliche und kulturelle Isolierung wegen der Auseinandersetzung mit dem Westen.

Anderseits scheint Auswanderung von der russischen Bevölkerung nicht negativ wahrgenommen zu werden. Das Problem des "Brain Drain", wie in der Literatur zu finden, ist von den politischen Entscheidungsträgern bisher nicht als solches wahrgenommen worden. Es gibt keinen öffentlichen Diskurs darüber und es steht nicht auf der Forschungsagenda. Darüber hinaus sind Migranten in keiner Weise stigmatisiert und werden nicht als "Verräter russischer Werte" empfunden. Im Gegenteil genießen sie eine gewisse Bewunderung und Respekt, "weil sie es geschafft haben".
Studenten von Agraruniversitäten in den letzten Studienjahren oder Agrarabsolventen scheinen eine geeignete Zielgruppe für die künftige Gewinnung von Fachkräften für die deutsche Landwirtschaft zu sein. Diese Gruppe kann als relativ offen gegenüber fremden Kulturen bezeichnet werden. Agrarabsolventen sind noch nicht in lokale soziale Netzwerke eingebunden und haben noch nicht zu viel Sozialkapital aufgebaut. Infolgedessen berücksichtigen sie die Möglichkeit der Auswanderung eher als ältere Gruppen, die schon mehrere Jahre ihres Arbeitslebens in Russland verbracht haben.
Laut unseren Daten haben auswanderungswillige Agrarabsolventen an Agraruniversitäten in Provinzstädten studiert, ihre Eltern vertreten den russischen Mittelstand und sie haben im Ausland einen Sprachkurs oder ein Praktikum absolviert. Sie sind auf eine langfristige und nachhaltige Karriereentwicklung in einer korruptionsfreien Atmosphäre ausgerichtet. Schließlich spielt auch die individuelle Offenheit der Agrarabsolventen eine wichtige Rolle, da russische Medien nur einen begrenzten Ausschnitt der im Westen verfügbaren Informationen verbreiten.

Zusammengefasst steigt die Auswanderungsbereitschaft von Agrarabsolventen, wenn sie

  • direkt nach dem Abschluss oder innerhalb von ein bis zwei Jahren ihre Auswanderung planen,
  • wenig in lokale soziale Netzwerke eingebunden sind,
  • relativ jung sind (23-30 Jahre alt),
  • die Sprache des Ziellandes beherrschen,
  • an regionalen Agraruniversitäten studieren,
  • die russische Mittelschicht vertreten,
  • an einer langfristigen Karriere interessiert sind,
  • Auslandserfahrung haben,
  • weltoffen sind.

In Russland gibt es also einen begrenzten Personenkreis, für den die Auswanderung und ein Engagement in der deutschen Landwirtschaft attraktiv erscheint. Allerdings bestehen noch eine Reihe von Engpässen in den Migrationsströmen und Herausforderungen für Migranten, die verhindern, dass potenzielle Migranten zu tatsächlichen werden.

Auf der staatlichen und branchenspezifischen Ebene muss deutlich gemacht werden, welche Erwartungen an Migranten gestellt werden, die in der deutschen Landwirtschaft arbeiten sollen. Erstens müssen die Voraussetzungen und Richtlinien für die Anerkennung der russischen Diplome deutlich gemacht werden. Zweitens ist es wichtig, dass die potenziellen Migranten ausreichend Zugang zu Informationen über die Bedürfnisse des deutschen landwirtschaftlichen Arbeitsmarktes erhalten. Die Ergebnisse dieser Studie zeigen, dass die Arbeitssuche im Ausland eine der größten Herausforderungen für sie ist. Schließlich sollten alle Informationen über die bürokratischen Formalien, die mit der Erlangung von Visa sowie Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis verbunden sind, problemlos verfügbar sein.

Alle diese Informationen könnten zum Beispiel in einem Web-Portal dargestellt werden. Es sollte klar und einfach zu navigieren sein. Im Idealfall sollte es auch in russischer Sprache verfügbar sein. Das Portal könnte zentral entweder von einer staatlichen Einrichtung oder von einer Organisation, die die Interessen der deutschen Landwirte vertritt, gepflegt werden.

Auch die deutschen Agrarunternehmen ihrerseits können einige konkrete Maßnahmen durchführen, um qualifizierte russische Fachkräfte zu gewinnen. Wie oben beschrieben bieten sich Praktika als Auswahlmechanismus an, sodass nach Abschluss des Praktikums den fähigsten Praktikanten eine Stelle angeboten werden könnte. Die Praktikanten nutzen das Praktikum, um den deutschen Arbeitsalltag und die Lebensweise kennenzulernen. Im Ergebnis profitieren beide Seiten.

Deutsche Agrarunternehmen müssen sich auf bestimmte Ausgaben und Investitionen nach Ankunft der russischen Fachkräfte einstellen. Wegen der Unterschiede der russischen und deutschen Ausbildungssysteme ergibt sich für die Unternehmen die Notwendigkeit, in zusätzliche Schulungs- und Qualifizierungsmaßnahmen zu investieren. Natürlich können Art und Umfang dieser Maßnahmen variieren und individuell angepasst werden. Praktika könnten als eine erste Form der Schulung und Qualifizierung genutzt werden. Die Unternehmen sollten bereit sein, die Agrarabsolventen in bürokratischen Fragen bei der Ankunft in Deutschland zu unterstützen. Wohnsitzanmeldung, Beantragung einer Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis, Beantragung oder Umtausch des Führerscheins und Weiteres erfordern eine Unterstützung seitens der Unternehmen. Unterstützende Sprachkurse sollten für mindestens ein Jahr eingeplant werden. Hier sollte sich der Staat durch Kofinanzierungsvereinbarungen mit den Unternehmen engagieren. Die Integration der neu angekommenen russischen Fachkräfte in den lokalen ländlichen Gemeinschaften sollte gefördert werden. Sensibilisierungsmaßnahmen für die lokale Bevölkerung und gemeinsame Veranstaltungen sind Beispiele für solche Aktivitäten.

Zusammengefasst erleichtern folgende Bedingungen die Migration von russischen Agrarobsolventen:

  • Informationen über offene Stellen sollten zugänglich und klar sein.
  • Informationen über die bürokratischen Schritte, die mit der Arbeitsgenehmigung zusammenhängen, sollten ebenfalls zugänglich und klar sein.
  • Internationale Praktikumsprogramme könnten als eine Plattform für die Auswahl und Ausbildung von potenziellen russischen Fachkräften verwendet werden.
  • Deutsche Unternehmen sollten bereit sein, in Ausbildungsmaßnahmen für ausländische Fachkräfte zu investieren sowie finanzielle Hilfestellung zur Einreise zu geben.
  • Maßnahmen zur Integration der ausländischen Fachkräfte sollten von den Unternehmen und Kommunen unterstützt werden.

Allgemein scheinen die Aussichten für die Eingliederung von qualifizierten russischen landwirtschaftlichen Fachkräften positiv zu sein. Existierende Praktikumsprogramme könnten als Grundlage für die Entwicklung einer notwendigen Infrastruktur für die Intensivierung der Migrationsströme im Agrarsektor verwendet werden. Weitere Forschungsmaßnahmen sind erforderlich, um das Profil der auswanderungsbereiten russischen Fachkräfte zu präzisieren und ihre Integrationsprobleme zu verstehen.


Zusammenfassung

Durch den demografischen Wandel und einen vergleichsweise robusten Arbeitsmarkt in Deutschland ist das Thema Fachkräftemangel inzwischen auch in der deutschen Landwirtschaft ein wichtiges Thema. Der vorliegende Bericht untersucht eine Maßnahme, die diese Herausforderung teilweise bewältigen helfen kann: das Engagement von Einwanderern. Wir versuchen zu klären, inwieweit die entstehende Lücke mit qualifizierten osteuropäischen Fachkräften geschlossen werden kann und wie hoch das potenzielle Fachkräfteangebot ist. Am Beispiel von Russland identifizieren wir die Absolventen von Agraruniversitäten als potenzielle Zielgruppe und erstellen ein Profil von Personen mit erhöhter Auswanderungsbereitschaft. Für dieses Vorhaben werden qualitative Daten benutzt, die in Russland und Deutschland erhoben wurden. Generell zeigen die Ergebnisse, dass es ein begrenztes, jedoch nicht völlig unbedeutendes Potenzial gibt, qualifizierte russische Fachkräfte im deutschen Agrarsektor zu engagieren. Einkommensunterschiede im Agrarbereich, die Unterversorgung mit öffentlichen Gütern und eine verbreitete Korruption in Russland scheinen die wichtigsten Anreize für eine Auswanderung zu sein. Agrarabsolventen der russischen regionalen Universitäten mit Auslandserfahrungen wurden als eine Zielgruppe identifiziert. Die Migration von qualifizierten russischen Arbeitskräften lässt sich mit Praktikumsprogrammen als Auswahl- und Ausbildungsmechanismus und durch einen klaren Informationsfluss zwischen den Beteiligten fördern.

Summary

Eastern Europe as source for skilled agricultural workers in Germany?

Because of demographic changes and a relatively robust German labor market, skilled labor shortage in German agriculture has also become an important topic. This report examines a measure that can help to deal partially with this problem: involvement of immigrants. We attempt to understand to what extent the existing shortage can be filled with skilled East European workers, and how high the potential labor supply is. Using Russia as an example, we identify graduates of agricultural universities as a potential target group and generate a profile of individuals who are likely to emigrate. In order to accomplish this, we use qualitative data collected in Russia and Germany. In general, the results show that there is a limited but not completely insignificant potential to involve qualified Russian workers in the German agricultural sector. Income differences in the agricultural sector, undersupply of public goods and widespread corruption in Russia appear to be the most important incentives for emigration. Graduates of Russian regional agricultural universities with experience abroad were identified as a target group. Migration of qualified Russian workers can be facilitated with the help of internship programs as a selection and training mechanism and with clear information flow between the parties involved.

Résumé

L’Europe de l’Est en tant que source de recrutement de spécialistes en agriculture pour l’Allemagne ?

Du fait des changements démographiques qui surviennent en Allemagne et vu le marché du travail relativement robuste que l’on connaît, la question du manque de spécialistes en agriculture en Allemagne occupe, dans l’intervalle, une place importante. Dans ce rapport on examine une mesure qui peut aider en partie à traiter ce défi: engager des immigrants. Nous essayons de comprendre dans quelle mesure le déficit engendré peut être comblé par des spécialistes de l’Europe de l’Est et quel est le niveau de l’offre potentielle en spécialistes.
A l’exemple de la Russie, nous identifions les diplômés des Académies agricoles en tant que groupe-cible potentiel et établissons un profil des personnes fortement prêtes à émigrer. Pour le réaliser, nous utilisons des données qualitatives que nous recueillons en Russie et en Allemagne. En général, les résultats montrent qu’il existe un potentiel certes limité mais non complètement insignifiant, pour engager en Allemagne des spécialistes russes qualifiés dans le secteur agricole. Les différences de revenus dans le domaine agricole, la pénurie des biens publics et une corruption largement répandue en Russie semblent être les principales incitations favorisant l’émigration. Les diplômés des Universités russes régionales qui possèdent une expérience de l’étranger ont été identifiés comme étant un groupe-cible.
L’émigration de travailleurs russes qualifiés peut être facilitée par des programmes de stages assortis de mécanismes de sélection et de formation et moyennant un flux d’information clair entre les parties concernées.


Fußnoten

1)  Befragung von Agrarunternehmen in Sachsen-Anhalt durch das Zentrum für Sozialforschung in Halle.

2) Eine Liste der Gesprächspartner enthält Anhang A.

3) Mehr über die Identifizierung der Zielgruppe enthalten die folgenden Kapitel.

4) Das Fokusgruppen-Interview wurde im August 2014 durchgeführt.

5) Eine Liste der Befragten findet sich in Anhang A.

6) Sozialkapital kann als informelle Institutionen, die koordiniertes Handeln unter Einzelpersonen verbessern, definiert werden [38]. Die allgemein anerkannten drei Kernelemente des Sozialkapitals sind: Vertrauen, Normen und Netzwerke.

7) Vergleiche die folgenden Kapitel zu verbreiteten Migrationsmustern.


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  35. De Jong GF, Root BD, Gardner RW, et al. (1986) Migration intentions and behavior: Decision making in a rural Philippine Province. Popul Environ 8:41–62.
  36. Bellak C, Leibrecht M, Liebensteiner M (2014) Short-term labour migration from the Republic of Armenia to the Russian Federation. J Dev Stud 50:349–367. doi: 10.1080/00220388.2013.858125.
  37. Kultusministerkonferenz (2015) Informationsportal zur Anerkennung ausländischer Bildungsabschlüsse.
  38. Putnam R (2000) Bowling alone. Simon & Shuster, New York.

Dank

Die vorliegende Studie wäre ohne die bereitwilligen Auskünfte der russischen Experten und Praktikanten nicht zustande gekommen. Bei ihnen und Jürgen Kranz möchte ich mich für ihre Mitarbeit bedanken. Christa Gotter, Ralf Hägele, Gabriele Mewes, Martin Petrick, Diana Traikova, Susanne Winge und Bettina Wiener danke ich für zahlreiche Hinweise. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) förderte die vorliegende Arbeit als Forschungsprojekt zum Thema "Kompetenzmanagement zum Aufbau ausländischer Arbeitskräfte zu Fachkräften in der Landwirtschaft (Alfa Agrar)" mit dem Förderschwerpunkt "Betriebliches Kompetenzmanagement im demografischen Wandel".

Autorenanschrift

Dr. Vasyl Kvartiuk
Leibniz-Institut für Agrarentwicklung in Transformationsökonomien (IAMO)
Theodor-Lieser-Str. 2
06120 Halle (Saale)


Anhang

Anhang A: Liste der befragten Experten (12. bis 16. Mai 2014)
NummerStelleOrganisationOrt
1
Direktor
Zentrum für Migrationsforschung und leitender Wissenschaftler, Institut für WirtschaftsprognoseMoskau
2
Projektkoordinator
Internationale Allianz "Arbeitsmigration"Moskau
3
Web-Redakteurin
Internationaler Verband der deutschen KulturMoskau
4
Leiter
Abteilung für Praktika und Anstellungsunterstützung, Russische Staatliche Agraruniversität (Timiriazev)Moskau
5
Direktor
Sektor für Bevölkerungsmigration, Zentrum für soziale Demografie und Wirtschaftssoziologie, Institut für soziopolitische ForschungMoskau
6
Exekutivdirektor/ Regionalvertreter
Agroindustrieller Verband Kuban (KAV), und Regionalvertreter, Krasnodar Regionalfiliale, "Russische Allianz der Landjugend" (RAL)Krasnodar
7
Präsident
Kuban-Verband der Landwirte und landwirtschaftlichen Genossenschaften Russlands (AKKOR)Krasnodar
8
Leiter
Zentrum für Einstellung von Alumni, Staatliche Landwirtschaftliche Universität StavropolStavropol
9
Direktor
Abteilung für Internationale Beziehungen, Staatliche Landwirtschaftliche Universität StavropolStavropol
10
Stellvertretende Direktorin/
Vorsitzende
Verband der Landwirte und landwirtschaftlichen Genossenschaften Russlands (AKKOR)/Russische AgrarparteiMoskau

Quelle: Eigene Darstellung


 

Anhang B: Liste der Interviewten aus der Fokusgruppe (21. August 2014)
NummerNameGeschlechtAlterStudienjahrFachHerkunftsort
1SergeyMännlich21?Ingenieur?
2KatyaWeiblich23ViertesTierärztinKostroma
3SashaMännlich19ErstesIngenieur?
4AlexeyMännlich19?Ökonom-Manager?
5OlegMännlich22ViertesIT in EnergiesystemenKostroma Oblast
6SvetaWeiblich21ViertesTierärztinVladimir Oblast
7MaksimMännlich19DrittesIngenieurKostroma Oblast
8NikitaMännlich20?Ingenieur?
9DmitriiMännlich22ViertesIT in EnergiesystemenKostroma Oblast
10AlexandrMännlich20DrittesIngenieurKostroma Oblast

Quelle: Eigene Darstellung.

 

 

 

 



DOI: http://dx.doi.org/10.12767/buel.v93i3.78.g220