Die Anpassung von Wäldern und Waldwirtschaft an den Klimawandel

Gutachten des Wissenschaftlichen Beirates für Waldpolitik - Oktober 2021

  • Prof. Dr. Jürgen Bauhus Albert-Ludwigs-Universität Freiburg, Fakultät für Umwelt und Natürliche Ressourcen, Institut für Forstwissenschaften
  • Prof. Dr. Ute Seeling Berner Fachhochschule BFH, Hochschule für Agrar-, Forst- und Lebensmittelwissenschaften HAFL
  • Prof. Dr. Matthias Dieter Thünen-Institut für Internationale Waldwirtschaft und Forstökonomie, Hamburg
  • Prof. Dr. Nina Farwig Philipps-Universität Marburg, Fachbereich Biologie
  • Prof. Dr.-Ing. Annette Hafner Ruhr-Universität Bochum, Fakultät Bau- und Umweltingenieurwissenschaften
  • Prof. Dr. Ralf Kätzel Landeskompetenzzentrum Forst Eberswalde, Fachbereich Waldökologie und Monitoring
  • Prof. Dr. Birgit Kleinschmit Technische Universität Berlin, Institut für Landschaftsarchitektur und Umweltplanung
  • Prof. Dr. Friederike Lang Albert-Ludwigs-Universität Freiburg, Fakultät für Umwelt und Natürliche Ressourcen, Institut für Forstwissenschaften
  • Dr. Marcus Lindner European Forest Institute, Bonn, und Universität Ostfinnland, Fakultät für Naturwissenschaften und Forstwirtschaft
  • Prof. Dr. Bernhard Möhring; Georg-August-Universität Göttingen, Fakultät für Forstwissenschaften und Waldökologie, Institut für Forstökonomie
  • Prof. Dr. Jörg Müller Julius-Maximilians-Universität Würzburg, Biozentrum, Lehrstuhl für Tierökologie und Tropenbiologie
  • Prof. Dr. Manfred Niekisch Goethe-Universität Frankfurt, Institut für Ökologie, Evolution und Diversität
  • Prof. Dr. Klaus Richter Technische Universität München, Lehrstuhl für Holzwissenschaft
  • Prof. Dr. Ulrich Schraml Forstliche Versuchs- und Forschungsanstalt Baden-Württemberg, Freiburg

Abstract

Der Klimawandel verändert unsere Wälder auf vielfältige Weise. Dabei werden negative Auswirkungen auf die Wälder, ihre Ökosystemleistungen und die Waldwirtschaft höchstwahrscheinlich überwiegen. Neben dem Anstieg der Temperatur und Änderung der Niederschlagsverteilung sind es vor allem die Zunahme von Extremereignissen und ihren Interaktionen, die zu erheblichen Störungen der Wälder führen werden. Die weit verbreiteten, massiven Waldschäden infolge der trockenen und heißen Jahre 2018 – 2019 haben bereits angedeutet, mit welcher Geschwindigkeit diese Veränderungen auch in Deutschland voranschreiten können. Daher erscheint es dringend geboten, umfassende Konzepte zu entwickeln, um die Wälder und ihre Bewirtschaftung so anzupassen, dass negative Folgen möglichst weit abgepuffert werden können, um auch in Zukunft die vielfältigen Ökosystemleistungen der Wälder für unsere Gesellschaft bereitzustellen. Wie beim Klimaschutz ist auch bei der Anpassung an den Klimawandel die Politik gefordert, Rahmenbedingungen zu schaffen, die im Sinne der Generationengerechtigkeit zukünftigen Generationen die gleichen Optionen für die Nutzung der Wälder bieten wie der heutigen Generation. Ebenso wie der Klimaschutz stellt die Anpassung der Wälder eine dringliche und massive Herausforderung für alle Beteiligten dar, die Paradigmenwechsel auf vielen Ebenen erfordert. Vor diesem Hintergrund hat der Wissenschaftliche Beirat für Waldpolitik (WBW) das vorliegende Gutachten erstellt.
Die Erstellung des Gutachtens erfolgte auf der Basis geprüfter wissenschaftlicher Erkenntnisse und richtet mit seinen Handlungsempfehlungen den Fokus auf die wesentlichen Einflussmöglichkeiten zur Aufrechterhaltung und Verbesserung der Bereitstellung der Ökosystemleistungen des Waldes im Klimawandel. In dem Gutachten werden zunächst die derzeit bekannten Auswirkungen der Klimaänderungen auf Wälder und ihre Ökosystemleistungen skizziert und die Anpassungsmöglichkeiten in unterschiedlichen Bereichen der Bewirtschaftung und Nutzung der Wälder aufzeigt. Diese Bereiche umfassen die Waldwirtschaft, Holzverarbeitung, Bioökonomie, Naturschutz, Bodenschutz, Gewässerschutz, Gesundheitsvorsorge, Erholung und Tourismus. Die daraus gezogenen Schlussfolgerungen münden in konkrete Handlungsempfehlungen für die Anpassung in insgesamt 13 Handlungsfeldern. Ziel der Empfehlungen ist es, Bedingungen dafür zu schaffen, dass Ökosystemleistungen der Wälder auch zukünftig entsprechend des gesellschaftlichen Bedarfs bereitgestellt werden können.
Zu diesem Zweck sollten Wälder, wo nötig, durch waldbauliche Unterstützung hin zu diversen, resilienten und anpassungsfähigen Wäldern entwickelt werden. Dies umfasst die aktive und passive Förderung der Vielfalt standortangepasster Baumarten und ihrer funktionalen und genetischen Diversität ebenso, wie den Schutz der Waldböden und ihrer Funktionen, die mit angepassten Maßnahmen erhalten und verbessert werden müssen. Hierzu werden konkrete Maßnahmen zur Anpassung von Waldbeständen, insbesondere in den Phasen der Verjüngung und Bestandespflege empfohlen, die mit verbesserten regionalen und überregionalen Daten zur Standorts- und Baumarteneignung unterstützt werden müssen.
Biodiversität im Wald ist eine wichtige Grundlage für die Anpassungsfähigkeit und Vielfalt aller Prozesse, welche die Ökosystemfunktionen und -leistungen erst ermöglichen. Sie muss bei der Anpassung der Wälder an den Klimawandel daher von der genetischen bis zur Ökosystemebene umfassend berücksichtigt werden. Hier stellt sich insbesondere die Frage, welche Arten, Populationen und Lebensräume am stärksten gefährdet sind und in welchem Umfang sich diese mit dem Klimawandel verschieben werden bzw. verschieben können. Der Schutz der Biodiversität sollte daher auf ganzer Fläche, also auch außerhalb von Schutzgebieten berücksichtigt werden. Ein besonderes Augenmerk sollte daher auf die zukünftige Struktur und Baumartenzusammensetzung der Wälder gelegt werden. Natürliche Biotope, Habitate und Ökosysteme sind im Rahmen der Anpassung auf Landschaftsebene so weit wie möglich zu erhalten und zu fördern. Durch die Förderung von Biotopverbünden sollen die Bewegungsmöglichkeiten von Arten gewährleistet werden; bei wenig mobilen Arten sollte die Möglichkeit gezielter Ansiedlungen in zukünftigen Verbreitungsgebieten genutzt werden. Ein repräsentatives Biodiversitätsmonitoring und die Berücksichtigung des Klimawandels bei der Entwicklung von Schutzzielen sollen einen möglichst effizienten Naturschutz im Wald ermöglichen.
Der Erhalt der Wälder und ihrer vielfältigen Ökosystemleistungen hängt ganz erheblich von ihrem Schutz gegenüber biotischen und abiotischen Risiken ab, die in Zukunft zunehmen werden. Daher bedarf es eines deutlich verbesserten Risikomanagements in enger Verknüpfung mit einem zeitlich und räumlich hoch aufgelösten Monitoring, dem eine Schlüsselstellung im Anpassungsprozess der Wälder zugeschrieben wird. Zur Abwehr großflächiger Schäden in Wäldern bedarf es in Ergänzung des betrieblichen
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Waldschutzes eines überregionalen Waldschutzmanagements, einer verbesserten Kontrolle von Schadorganismen und Waldkrankheiten, einer objektiven Schadensbewertung und Risikovorsorge aber auch der Forcierung restaurativer Maßnahmen zum Waldumbau.
Zunehmende Extremwetterereignisse, eine Reduktion der Produktivität der Wälder und Veränderungen im Baumartenspektrum werden bei gleichzeitig steigenden Kosten für Anpassung, Risikomanagement, Monitoring und die Bereitstellung von Ökosystemleistungen die Erträge aus der traditionellen Waldbewirtschaftung mit Fokus auf Rohholzproduktion langfristig reduzieren. Diese Entwicklungen verschärfen die ohnehin schon bestehenden strukturellen Probleme vor allem im kleinparzellierten Privat- und Körperschaftswald. Um vor diesem Hintergrund Anpassungsmaßnahmen effektiv umsetzen zu können, bedarf es der Schaffung stabiler institutioneller Strukturen, die die angemessene Betreuung des Nichtstaaatswaldes einschließt, und einer effizienteren Gestaltung der forstlichen Förderung. Dies sollte flankiert werden durch den Aufbau von Informationsplattformen, der Schaffung von Anreizen zur aktiven Waldbewirtschaftung und Bildung von größeren Bewirtschaftungseinheiten.
Mit der zu erwartenden Verringerung der Produktivität der Wälder und Verschiebung der Baumartenzusammensetzungen hin zu mehr Laubholz wird langfristig die Versorgung mit dem Rohstoff Holz insbesondere aus heimischen Wäldern eine große Herausforderung. Dies erfordert auch eine Anpassung der nachgelagerten Holzwirtschaft und Holzverwendung. Dafür müssen Wertschöpfungsketten etabliert werden, die die wirtschaftliche und klimawirksame Nutzung von Holzrohstoffen aus heimischer Waldbewirtschaftung optimieren und die Transformation zu einer Bioökonomie als Grundlage neuer umweltfreundlicher Produkte stützen. Anreizsysteme und technische Verfahren sollten entwickelt werden, die zur Erhöhung der stofflichen und Verringerung einer direkten energetischen Nutzung führen, insbesondere bei bisher schwer zu vermarktenden Holzsortimenten (Kalamitätsholz, Nadelstarkholz, Laubholz). Eine zentrale Rolle spielt dabei der Holzbau als unmittelbar verfügbare Brückentechnologie1 im Klimaschutz und zur Schonung endlicher Rohstoffe. Um die in Zukunft
1 Mit Brückentechnologie ist hier gemeint, dass der Holzbau aktuell die einzige anwendungsreife Technologie (negative emission technology) ist, die es ermöglicht, Kohlenstoff in nennenswertem Umfang außerhalb von Ökosystemen zu speichern. „Brücke“ bedeutet hierbei, dass diese Technologie deshalb ab sofort eingesetzt werden sollte, um diese Kohlenstoffspeicherung umzusetzen bis in der Zukunft möglicherweise andere Technologien wie beispielsweise carbon capture and storage oder carbon capture and usage Technologien in eine Anwendungsreife (TRL 9) kommen. Dies bedeutet nicht, dass danach der Holzbau keine Bedeutung mehr hat, aber der Begriff unterstreicht die Dringlichkeit, diese Möglichkeit der Kohlenstoffspeicherung sofort einzusetzen.im Inland zurückgehende Bereitstellung von Nadelholzsortimenten teilweise ersetzen zu können, müssen Voraussetzungen für die Generierung neuer Holzstoffquellen aus Gebraucht- und Altholz geschaffen realisiert werden. Um langfristig eine ausreichende Versorgung mit Nadelholz sicherzustellen, sollte ein risikoarmer Anbau klimaangepasster Nadelbaumarten in Mischbeständen erfolgen. Temporäre Marktverwerfungen nach großflächigen Störungen sollte mit reaktionsfähigen Märkten und entsprechenden Logistik- und Lagerstrukturen entgegengewirkt werden.
Wälder sind eine wichtige Grundlage sogenannter kultureller Ökosystemleistungen. Die Attraktivität von Wäldern für die Freizeit- und Erholungsnutzung im Zuge der erwarteten klimatischen Veränderungen wird wahrscheinlich weiterhin zunehmen. Gleichzeitig kommt es zu Veränderungen gewohnter Wald- und Landschaftsbilder und zu veränderten Voraussetzungen für verschiedenste Freizeitaktivitäten im Wald. Die Bereitstellung von Erholungsleistungen und Reduktion möglicher Konflikte zwischen Erholungsnutzung und der Holzernte steigert den Aufwand der Waldbewirtschaftung, gerade in den urbanen Räumen. Eine Honorierung der Ökosystemleistungen für Erholung, Sport und Tourismus ist daher neben kommunikativen und konfliktmindernden Maßnahmen ein wichtiger Baustein zur zukünftigen Gestaltung von klimaresilienten Erholungswäldern.
Die notwendigen Maßnahmen zur Aufrechterhaltung und Verbesserung der Bereitstellung von Ökosystemleistungen der Wälder sind sehr umfangreich und kostenintensiv. Nach Einschätzung des WBW übersteigen die Aufwendungen für eine rasche und effektive Anpassung der Wälder an den Klimawandel deutlich ein Niveau, das man vom nicht-staatlichen Waldbesitz im Rahmen der Gemeinwohlverpflichtung des Eigentums erwarten kann. Gegenwärtig beruhen die Einnahmen der Forstbetriebe fast ausschließlich auf Erlösen aus dem Holzverkauf, wohingegen die Bereitstellung der bisher nicht honorierten, gesellschaftlich wichtigen Ökosystemleistungen für Klimaschutz, Wasserschutz, Naturschutz, Erholung etc. als Lasten wahrgenommen werden. Daher ist eine zentrale Empfehlung dieses Gutachtens, dass die öffentliche Hand Vergütungssysteme für die Ökosystemleistungen des Waldes schafft, die den Forstbetrieben langfristig planbare Einnahmen aus der Bereitstellung von Ökosystemleistungen ermöglichen. Eine grundsätzliche und effiziente Möglichkeit hierfür sehen wir darin, nicht einzelne Ökosystemleistungen separat zu honorieren, sondern die Grundlage für die zukünftige Erbringung aller Ökosystemleistungen, die Anpassungsfähigkeit2 der Wälder an den Klimawandel, als Leistung zu betrachten. Empfohlen wird daher eine am Zustand der Wälder orientierte Zahlung, die als eine notwendige Ergänzung der derzeit gängigen maßnahmenorientierten Förderung gesehen wird.
Der rasch voranschreitende Klimawandel beschleunigt die Erosion der Relevanz des bisherigen Erfahrungswissens und führt zu einer Zunahme von Unsicherheiten. Um die Anpassung von Wäldern, Wald- und Holzwirtschaft und anderen relevanten Sektoren an den Klimawandel effektiv und effizient zu gestalten, wird eine Stärkung forstwissenschaftlicher, wald- und holzproduktbezogener Forschung empfohlen. Dabei geht es insbesondere um eine strategische Ausrichtung und die Entwicklung neuer Forschungsansätze im Sinne einer Nachhaltigkeitsforschung, die sich an Dringlichkeit, Lösungsorientierung und Implementierung ausrichtet. Dafür werden entsprechend langfristig angelegte Forschungsinfrastrukturen und Kapazitäten ebenso benötigt wie eine bessere Vernetzung und Kooperation zwischen bestehenden Forschungseinrichtungen.
Zur Beförderung des Transformationsprozesses spricht der WBW darüber hinaus Empfehlungen zu Änderungen in der Aus- und Weiterbildung, den Kommunikationsstrategien, sowie zur Beseitigung von Anpassungshemmnissen und -konflikten in den verschiedenen Bereichen aus.

Veröffentlicht
2021-11-03
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