Mehr Auswahl am gemeinsamen Tisch:

Alternativprodukte zu tierischen Lebensmitteln als Beitrag zu einer nachhaltigen Ernährung

Autor/innen

  • Prof. Dr. Achim Spiller (Vorsitzender) Universität Göttingen, Department für Agrarökonomie und Rurale Entwicklung, Lehrstuhl für Marketing für Lebensmittel und Agrarprodukte
  • Prof. Dr. Hiltrud Nieberg (stellvertretende Vorsitzende) Thünen-Institut, Institut für Betriebswirtschaft
  • Prof. Dr. Britta Renner (stellvertretende Vorsitzende) Universität Konstanz, Fachbereich Psychologie, AG Psychologische Diagnostik und Gesundheitspsychologie
  • Prof. Dr. Alfons Balmann Leibniz-Institut für Agrarentwicklung in Transformationsökonomien (IAMO), Abteilung Strukturwandel; Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg
  • Prof. Dr. Regina Birner Universität Hohenheim, Institut für Tropische Agrarwissenschaften, Fachgebiet Sozialer und institutioneller Wandel in der landwirtschaftlichen Entwicklung
  • Prof. Dr. Anette Buyken Universität Paderborn, Institut für Ernährung, Konsum und Gesundheit, AG Public Health Nutrition
  • Prof. Dr. Thomas Döring Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn, Institut für Nutzpflanzenwissenschaften und Ressourcenschutz, Fachgebiet Agrarökologie und Organischer Landbau
  • Prof. Dr. Peter Feindt Humboldt-Universität zu Berlin, Thaer-Institut für Agrar- und Gartenbauwissenschaften, Fachgebiet Agrar- und Ernährungspolitik
  • Prof. Dr. Jakob Linseisen Universität Augsburg, Institut für Epidemiologie am Universitätsklinikum Augsburg
  • Prof. Dr. Ute Nöthlings Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn, Institut für Ernährungs- und Lebensmittelwissenschaften, Professur für Ernährungsepidemiologie
  • Prof. Dr. José Martínez Georg-August-Universität Göttingen, Institut für Landwirtschaftsrecht, Lehrstuhl für Agrarrecht und Öffentliches Recht
  • Prof. Dr. Monika Pischetsrieder Universität Erlangen-Nürnberg, Department Chemie und Pharmazie, Henriette Schmidt-Burkhardt Lehrstuhl für Lebensmittelchemie
  • Dr. Lieske Voget-Kleschin Christian-Albrecht-Universität zu Kiel, Philosophisches Seminar
  • Prof. Dr. Peter Weingarten Thünen-Institut, Institut für Lebensverhältnisse in ländlichen Räumen
  • Prof. Dr. Justus Wesseler Wageningen University and Research, Department of Social Sciences, Agricultural Economics and Rural Policy Group
  • Prof. Dr. Christine Wieck Universität Hohenheim, Institut für Agrarpolitik und Landwirtschaftliche Marktlehre, Fachgebiet Agrar- und Ernährungspolitik
  • Dr. Sarah Iweala Universität Göttingen, Department für Agrarökonomie und Rurale Entwicklung

Abstract

Alternativprodukte zu Lebensmitteln tierischer Herkunft haben in den vergangenen Jahren viel Aufmerksamkeit erhalten und werden innerhalb der Gesellschaft und der Politik breit und teilweise kontrovers diskutiert. Ein Alternativprodukt im Sinne dieses Gutachtens ist ein Lebensmittel (oder ein Lebensmittelbestandteil), das mit dem Ziel entwickelt wird, den sensorischen und funktionellen Eigenschaften tierischer Erzeugnisse möglichst nahe zu kommen. In diesem Gutachten werden darunter pflanzliche Alternativprodukte, biotechnologische Alternativen (z. B. hergestellt durch Präzisionsfermentation oder Zellkultivierung) und Hybridprodukte verstanden.

Die Nutztierhaltung hat global gesehen erhebliche Umweltwirkungen, die durch das prognostizierte Wachstum der Weltbevölkerung und damit auch der Zahl der Nutztiere noch verstärkt werden. Eine Verringerung des Konsums tierischer Lebensmittel wäre deshalb ein Beitrag zu einer nachhaltigeren Ernährung. Alternativprodukte können helfen, diese Reduktion im Alltag einfacher umzusetzen – ohne eine grundlegende Umstellung der Ernährung und somit auf einem niedrigschwelligen Weg. Das vorliegende Gutachten betrachtet Alternativprodukte im Hinblick auf Konsum, Gesundheit, sozio-ökonomische Aspekte, Umwelt und Tierwohl und entwickelt Governance-Optionen zur Förderung solcher Alternativprodukte, die Nachhaltigkeitsvorteile bieten.

Aus Konsumperspektive ist relevant, dass sich vor dem Hintergrund aktueller gesellschaftlicher Debatten zu Nachhaltigkeit, Tierwohl und Gesundheit sowie einer auf Convenience ausgerichteten Ernährungsumgebung die Ernährungsgewohnheiten in Deutschland zunehmend ausdifferenzieren. Während der Konsum tierischer Produkte weiterhin weit verbreitet ist, zeigt sich eine wachsende Vielfalt an Einstellungen, Motiven und Ernährungsverhaltensweisen. Eine positive Haltung gegenüber tierischen Produkten schließt Offenheit für Alternativen nicht aus. Diese Diversifizierung eröffnet neue Spielräume für individuelle Ernährungsgestaltung, stellt jedoch zugleich eine Herausforderung für das soziale Miteinander dar – insbesondere im Hinblick auf den „gemeinsamen Tisch“, verstanden sowohl als realer Ort gemeinsamen Essens (Kommensalität) als auch als symbolischer Ausdruck gemeinsamer Identität, Zugehörigkeit und Akzeptanz.

Das Gutachten arbeitet eine „Reduce–Remix–Replace“-Strategie (3-R-Strategie) heraus, die eine flexible, alltagstaugliche, schrittweise Anpassung des Konsums tierischer Produkte ermöglicht. Die 3-R-Strategie zielt darauf ab, den Konsum tierischer Produkte durch kleinere Portionsgrößen zu verringern („Reduce“), tierische Produkte mit pflanzlichen oder alternativen Zutaten zu kombinieren („Remix“) und/oder tierische Produkte in Mahlzeiten vollständig durch Alternativen zu ersetzen („Replace“). Durch diese Vielfalt an Möglichkeiten können breite Bevölkerungsgruppen – Omnivor:innen, Flexitarier:innen, Vegetarier:innen und Veganer:innen –angesprochen und relevante Umwelt- und Gesundheitswirkungen erzielt werden. Voraussetzung dafür sind eine ausreichende Vielfalt, gute Verfügbarkeit und Alltagstauglichkeit von nachhaltigeren Alternativprodukten als Teil einer fairen Ernährungsumgebung.

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In Abwägung der Chancen, Herausforderungen und Grenzen von Alternativprodukten sieht der WBAE in der Entwicklung pflanzlicher und biotechnologischer Alternativprodukte ein erhebliches Potenzial – sowohl für eine nachhaltigere Agrar- und Ernährungswirtschaft als auch für eine nachhaltigere Ernährung und die Gestaltung fairer Ernährungsumgebungen. Der WBAE spricht sich explizit gegen restriktive oder blockierende Politiken aus. Nachhaltigkeitspolitisch, ökonomisch und gesellschaftlich gibt es derzeit keine überzeugenden Gründe, Alternativprodukte zu behindern. Vielmehr sieht der WBAE Handlungsbedarf für eine aktive, strategisch ausgerichtete Förderung.

Der WBAE empfiehlt der Bundesregierung, die Rolle Deutschlands als Impulsgeber in diesem dynamischen Innovationsfeld durch gezielte Maßnahmen auszubauen – etwa durch die Stärkung des Innovationssystems und durch transparente und verlässliche Verbraucherinformation. Letzteres, weil Alternativprodukte zumeist, aber nicht notwendigerweise gesundheitsförderlicher und umweltfreundlicher als ihre tierischen Pendants sind. Für die bisher nicht eindeutig einschätzbaren biotechnologischen Alternativprodukte ist eine prospektive sowie F&E-begleitende Nachhaltigkeitsbewertung zentral. Besonders wichtig ist zudem die Einhaltung fairer Wettbewerbsbedingungen („Level Playing Field“). Unmittelbar ins Auge sticht dabei die Ungleichbehandlung von Alternativprodukten bei der Mehrwertsteuer, die baldmöglichst beendet werden sollte.

Für tierhaltende Betriebe sind Alternativprodukte eine zusätzliche Herausforderung, weil sie den ohnehin stattfindenden Wandel zu weniger Fleisch verstärken können und weil sie auch auf den Markt von Milch und Milchprodukten wirken. Der damit verbundene Wandel wird aber nach Einschätzung des WBAE eher langsam erfolgen und sollte deshalb vom Sektor bewältigt werden können. Ungeachtet dessen sollte die Tierhaltung beim Umbau für mehr Tierwohl unterstützt werden, denn eine solche Transformation hin zu mehr Tierwohl ist in einem schrumpfenden Sektor kein „Selbstläufer“.

Vor dem Hintergrund aktueller Debatten zu Nachhaltigkeit, Tierwohl und Gesundheit differenzieren sich die Ernährungsgewohnheiten weiter aus. Diese Entwicklung kann Chancen und Herausforderungen für das soziale Miteinander mit sich bringen – insbesondere im Hinblick auf den „gemeinsamen Tisch“, verstanden als Ort gemeinsamer Mahlzeiten und als Ausdruck von Zugehörigkeit und Akzeptanz. Fehlende oder einseitige Angebote können dabei zu Ausgrenzung führen und sich negativ auf Lebensqualität und gesellschaftliches Miteinander auswirken. Alternativprodukte schaffen mehr Wahlmöglichkeiten, erlauben es, bestehende Ernährungsgewohnheiten nach und nach zu erweitern und ermöglichen so einen Wandel durch flexible Reduktions- und Substitutionsstrategien.

Der WBAE empfiehlt deshalb allen Akteuren aus Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft, die Chancen von nachhaltigeren Alternativprodukten konstruktiv zu nutzen und faire Wettbewerbsbedingungen zu schaffen, um mehr Auswahl am gemeinsamen Tisch für alle zu ermöglichen.

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Veröffentlicht

2026-03-06